Merz und Nagelsmann
Das kann zur Selbstsabotage werden
MeinungVon Thomas Ebenfeld
03.07.2026 – 16:01 UhrLesedauer: 5 Min.
Das WM-Aus gegen Paraguay trifft Deutschland tief. Doch es zeigt auch eine ernüchternde Parallele zwischen Fußball und dem Zustand des Landes, schreibt Psychologe Thomas Ebenfeld.
Nach dem verlorenen WM-Spiel saß ich mit meinen Kindern zusammen. Sie sind im Schulalter, fußballbegeistert genug, um mitzufiebern, aber noch jung genug, um nach so einem Spiel nicht gleich die passende Erklärung parat zu haben. Einer von ihnen fragte sinngemäß: „Papa, warum zählt Deutschland eigentlich immer zu den Losern?“
Das war hart. Und ich hatte keine schnelle Antwort. Nicht weil die Frage falsch war, sondern weil sie einen wunden Punkt traf.
Kinder kennen die Erzählung von der deutschen Turniermannschaft nicht mehr aus eigener Erfahrung. Für sie ist Deutschland nicht das Land, das am Ende doch noch gewinnt. Sie erleben ein anderes Deutschland: stets bemüht, talentiert, erklärungsstark. Und doch wieder ausgeschieden.
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Das WM-Aus gegen Paraguay berührt etwas, das über den Fußball hinausgeht. Die Nationalmannschaft war lange eine Projektionsfläche für das, was Deutschland gern über sich glaubte: verlässlich, diszipliniert, stark unter Druck. Heute wirkt dieses Bild wie eine Erinnerung an frühere Stärke.
Man sieht einzelne Talente, aber es entstehen nicht die zwingende Kraft und die unbedingte Entschlossenheit, die große Mannschaften auszeichnen. Selbst das Elfmeterschießen, bislang unsere Stärke, wurde zum Symbol: Wenn berichtet wird, dass sich vor einem entscheidenden Schuss erst jemand finden musste, der Verantwortung übernimmt, dann passt auch dieses Bild zu einer größeren Diagnose.
Deutschland lebt von einem Ruf, den es selten einlöst
Denn im Spiel konnte man ein Land erkennen, das vielerorts noch von einem Ruf lebt, den es immer seltener einlöst. Man sieht es bei Brücken und Bahnen, bei Ämtern, in der Digitalisierung, beim Reformtempo: Immer wieder klafft dieselbe Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Deutschland will führen, modernisieren, Vorbild sein. Aber zu oft bleibt es in Verfahren, Erklärungen und Absicherungen hängen.

Zum Autoren des Gastbeitrags
Thomas Ebenfeld ist Diplom-Psychologe, Gründer und Managing Partner des Instituts „concept m“ in Köln und Berlin. Für das Panel „Deutschland-Psychogramm“ ergründen die tiefenpsychologischen Marktforscher die Seelenlage der Nation. „concept m“ verbindet international mit seinen zugehörigen Tochterfirmen tiefenpsychologische Forschung, quantitative Forschung und Marketingberatung. Im Podcast „Das Marktpsychogramm“ analysiert Thomas Ebenfeld alle zwei Wochen Menschen, Marken und Medien.
Zur sportlichen Enttäuschung kam nach dem Spiel eine zweite hinzu: die Art, wie Führung auf Niederlagen reagiert. Bundeskanzler Friedrich Merz lobte nach dem Aus Teamgeist, Einsatz und Stolz. Bundestrainer Julian Nagelsmann blieb bei seinem patzigen Stil aus Analyse und Überzeugung, dass sein Weg stimmt.












