Cem Özdemirs Strategie geht auf: Der Realo überholt in Baden-Württemberg die CDU. Eine Strategie für die gesamte Partei? Oder geht es im Ländle einfach anders zu?
Cem Özdemir wurde nur zugeschaltet. Während CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel am Tag nach seiner Wahlniederlage in Baden-Württemberg an der Seite von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Berlin stand, blieb Özdemir in Stuttgart. Bei der Sitzung des Bundesvorstands der Grünen war Özdemir nur auf dem Bildschirm dabei. Vor die Presse trat die Parteivorsitzende Franziska Brantner wenige Stunden später alleine. Es ist nur eine Kleinigkeit. Aber sie passt ins Bild.
Özdemir hat in Baden-Württemberg eine spektakuläre Aufholjagd hingelegt und am Ende die CDU knapp überholt. Der Ober-Realo machte einen Wahlkampf, der völlig auf seine Person zugeschnitten war. Nicht nur präsentierte er sich als pragmatischer Macher, der nicht von Ideologien getrieben ist. Özdemir suchte auch zu seiner eigenen Partei maximalen Abstand. Nicht wenige sagen: Er hat nicht wegen der Grünen gewonnen, sondern trotz der Grünen.
Am Tag nach der Wahl steht die Frage im Raum, was Özdemirs Wahlsieg im Südwesten für die Bundespartei bedeutet. Sollen die Grünen Özdemirs Mitte-Kurs übernehmen oder ist das bürgerlich-konservative Ländle ein Sonderfall? Einigkeit herrscht über alle Lager hinweg darüber, dass Özdemir einen beachtlichen Erfolg eingefahren hat. Wohl kaum jemand hätte vor einigen Monaten gedacht, dass der 60-Jährige tatsächlich das Rennen machen würde. Und auch öffentlich mag bei den Grünen jetzt erst mal niemand über Flügelkämpfe reden.
Fest steht: Für die Parteivorsitzende Franziska Brantner, die aus Baden-Württemberg kommt und ebenfalls zum Realo-Flügel gehört, ist Özdemirs Sieg ein doppelter Gewinn, denn er stärkt auch ihre innerparteiliche Position. Die frühere Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, die als Vertraute von Robert Habeck gilt, hat in den vergangenen Wochen intensiv Wahlkampf im Ländle gemacht. Ihr Kurs und ihr Einsatz zahlen sich nun aus. Baden-Württemberg müsse man „kapieren, nicht kopieren“, sagt sie und fordert mehr Pragmatismus für die Partei im Bund.
Dröge dürfte sich in den vergangenen Wochen bei einigen von Özdemirs Äußerungen auf die Zunge gebissen haben. Doch die Partei gab sich über alle Lager hinweg geschlossen, um den Wahlkampf des grünen Spitzenkandidaten nicht zu gefährden. Dröge mahnt jetzt: „Wir haben als Bundespartei immer zu Cem gesagt: Du machst deinen Wahlkampf. Jetzt machen andere Landesverbände ihren Wahlkampf.“ Die Ansage ist klar – etwa mit Blick auf Berlin. Özdemir soll sich da schön heraushalten, so die Botschaft. In der eher progressiven Hauptstadt wird im September gewählt.












