„Außergewöhnlich“

Erleben die USA eine Masern-Epidemie?


07.11.2026 – 10:26 UhrLesedauer: 3 Min.

Masern-Virus (Symbolbild): Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten beim Menschen.

Masern-Virus (Symbolbild): Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten beim Menschen. (Quelle: koto_feja/getty-images-bilder)

Die USA melden mehr als doppelt so viele Masernfälle wie im gesamten Vorjahr. Ein Experte erklärt, warum schon kleine Impflücken große Folgen haben und warum auch Deutschland seine Ziele verfehlt.

Die Masernfälle in den USA erreichen einen Höchststand seit über drei Jahrzehnten. Zuletzt zählte die US-Gesundheitsbehörde CDC 4.852 bestätigte Fälle – eine Verdopplung gegenüber dem gesamten Vorjahr. 511 Erkrankte mussten ins Krankenhaus, vier Menschen starben laut CDC.

Lokale Gesundheitsbehörden berichten bereits von mehr Todesfällen. Allein die Behörde von Pennsylvania meldete bis zum 4. November sechs Todesfälle im Zusammenhang mit Masern. In New York starb vor wenigen Tagen ein Kind nach einer Maserninfektion. Laut Gouverneurin Kathy Hochul war dies der erste masernbezogene Todesfall im Bundesstaat seit 30 Jahren.

Warum sind Masern so gefährlich?

Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten. Eine erkrankte Person steckt in einer Umgebung ohne Immunschutz im Durchschnitt 12 bis 18 weitere Menschen an. Um Infektionsketten zu stoppen, müssen etwa 95 Prozent der Bevölkerung geschützt sein.
Eine Maserninfektion kann das Immunsystem langfristig schwächen und so die Anfälligkeit für weitere Infektionen erhöhen. Manche Betroffene entwickeln als Komplikation eine Gehirnentzündung, die tödlich verlaufen kann. Auch schwere Folgeschäden wie eine geistige Behinderung oder Lähmungen sind möglich.

Die USA erleben Epidemie-ähnliche Zustände

Christoph Peter, Leiter des Referats Infektionsschutz im Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, bezeichnet die Situation als „durchaus außergewöhnlich“. Zwar habe die US-Gesundheitsbehörde selbst das Geschehen bisher nicht als Epidemie eingeordnet, sondern spreche lediglich von mehreren Ausbrüchen. „Das schließt eine Einordnung als Epidemie jedoch nicht aus“, so der Experte.

Eine Epidemie liege vor, wenn eine Krankheit in einem Gebiet zeitlich begrenzt deutlich häufiger auftritt als sonst, erklärt Peter weiter. „Es erkranken also mehr Menschen neu, und insgesamt gibt es mehr Erkrankte.“

2026 zählt das CDC bislang 43 neue Ausbrüche mit je mindestens drei zusammenhängenden Fällen. Den größten Ausbruch meldet derzeit Pennsylvania mit mehr als 1.400 Erkrankten. Utah und South Carolina verzeichnen jeweils mindestens 500 Fälle. Landesweit entfallen laut CDC jeweils 41 Prozent der Fälle auf Fünf- bis 19-Jährige und auf Erwachsene ab 20 Jahren, 17 Prozent auf Kinder unter 5 Jahren. Am häufigsten ins Krankenhaus müssen Kinder unter 5 und Erwachsene ab 20 Jahren.

Vor allem Ungeimpfte betroffen

Laut CDC sind 96 Prozent der Erkrankten ungeimpft oder haben einen unbekannten Impfstatus. Ein unzureichender Impfschutz ist laut der Behörde der Hauptgrund für den Anstieg in den letzten Jahren.

Die New Yorker Gouverneurin Hochul hatte nach dem letzten Todesfall den Einfluss der Regierung auf die steigende Impfskepsis im Land stark kritisiert. Jener Todesfall sei eine „erschütternde Mahnung, was auf dem Spiel steht, wenn Washington gezielt jahrzehntelange Fortschritte beim Schutz der US-Bevölkerung vor vermeidbaren Krankheiten zunichtemacht“, erklärte die Demokratin.

Steigende Impfskepsis hat mehrere Gründe

Auch Peter verweist auf den verunsichernden Effekt von Fehlinformationen – etwa durch den von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy behaupteten Zusammenhang zwischen der Masernimpfung und Autismus. Dieser sei allerdings wissenschaftlich widerlegt, so Peter. Zudem sei es Teil einer Verfügung von Präsident Trump, Impfungen zeitlich zu strecken. Auch dafür gebe es keine wissenschaftlichen Belege, so der Experte.

Allein auf solche Äußerungen sei die sinkende Impfquote aber nicht zurückzuführen, erklärt Peter. Die Impfquote sinkt bei Kindergartenkindern schon seit einigen Jahren, von 95,2 Prozent im Schuljahr 2019/2020 auf 92,4 Prozent im Schuljahr 2025/2026. Laut Peter fällt der Rückgang der Impfquote zeitlich also auch mit der Corona-Pandemie zusammen.

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