Schwarzer Donnerstag
Anleger fliehen aus KI-Aktien – zu Recht?
Aktualisiert am 06.11.2026 – 14:41 UhrLesedauer: 5 Min.

Zweifel am KI-Hype gab es schon länger. Nach den Wahlen sind sie stärker geworden. Ist das das Ende der Börsenparty – oder bloß eine Verschnaufpause?
Die 100 wichtigsten Technologiewerte im Nasdaq 100 haben am gestrigen Donnerstag eine Talfahrt hingelegt: Während der Index selbst 5,6 Prozent an Wert verlor, stürzten einige Titel um 10 bis 15 Prozent ab – vor allem Unternehmen, die bislang als KI-Gewinner galten.
Den Kurssturz allein auf den Wahlsieg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen zurückzuführen, greift jedoch zu kurz: Der Abverkauf der Tech-Werte begann schon einen Monat früher. Ist das jetzt der Anfang vom Ende des KI-Hypes an der Börse oder nur eine überfällige Zwischenkorrektur?
Der Abverkauf begann längst vorher
Drei Beispiele zeigen, dass die größten Verluste nicht an einem Tag entstanden sind:
- Marvell Technology verlor allein am gestrigen Handelstag 16,3 Prozent – auf Sicht von 30 Tagen steht die Aktie mit über 50 Prozent im Minus.
- Dell Technologies büßte am Donnerstag knapp 15 Prozent ein; binnen 30 Tagen summiert sich der Verlust auf rund 47 Prozent.
- Branchenprimus Nvidia verlor gestern knapp 10 Prozent und binnen 30 Tagen rund 25 Prozent.
Der Ausverkauf von Technologieaktien – vor allem von KI-Spezialisten – begann also weit vor den US-Zwischenwahlen. Dass der gewachsene Einfluss der Demokraten künftig zu strengerer KI-Regulierung und einem gebremsten Ausbau von Rechenzentren führen könnte, erklärt nur einen Teil der Verluste. Wahrscheinlicher ist, dass das Wahlergebnis nur den finalen Anstoß lieferte.
Dan Ives von der US-Investmentbank Wedbush kommt zu der Einschätzung: Ein Markt, der monatelang ungebremst nach oben sprintet, brauche irgendwann eine Atempause, um reale makroökonomische Risiken neu zu bewerten.
Hinter der Korrektur stecken drei fundamentale Fehlannahmen, die die Börse nun schmerzhaft einpreist:
- Das Billionen-Grab: Tech-Konzerne investieren gewaltige Summen in KI-Infrastruktur, doch ob daraus entsprechende Gewinne entstehen, ist offen. Goldman-Sachs-Analyst Jim Covello sieht wachsende Zweifel: Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta gaben im dritten Quartal zusammen mehr als 200 Milliarden Dollar aus – über 350 Prozent mehr als Anfang 2024. Der Weg zum profitablen Massenprodukt könnte länger und teurer werden als erwartet.
- Das Strom-Dilemma: KI braucht enorme Energiemengen. Laut dem Analyse-Team der britischen Großbank Barclays könnten die dauerhaft hohen Anforderungen der Infrastruktur Stromnetze überlasten und Klimaziele gefährden. Der Ausbau könnte daher nicht am Geld, sondern an den Grenzen der Netze scheitern.
- Die „Old Economy“ bleibt: Die Erwartung, KI werde klassische Unternehmen und ganze Berufe rasch verdrängen, hat sich als überzogen erwiesen. KI kann Prozesse effizienter machen, doch ihre Einführung stockt in vielen etablierten Unternehmen wegen technischer Hürden und unreifer Modelle. Brötchen, Medikamente und Autos bleiben wirtschaftlich wichtig – und Investoren wenden sich wieder stärker klassischen Substanzwerten zu.

Die Old Economy hält die Stellung
Die Kursverluste des gestrigen Donnerstags zeigen nämlich ein klares Bild: Es handelt sich nicht um einen flächendeckenden Marktcrash, sondern um eine gezielte Flucht aus dem Technologiesektor – nach Ansicht von Alexander Giuliano vom Vermögensverwalter Resonate Wealth Partners eine gesunde, überfällige Zwischenkorrektur.
Der Blick auf den deutschen Aktienmarkt bestätigt den Trend: Der Dax zeigte sich im Vergleich zur US-Technologiebörse bemerkenswert robust. Weil im deutschen Leitindex Schwergewichte der „Old Economy“ wie Automobilhersteller, Chemiekonzerne und Industrieriesen den Ton angeben, gab es weniger zu verlieren.











