Pläne für die Energiewende
Gesetze von Reiche: Jetzt droht der Jobabbau
Aktualisiert am 22.05.2026 – 15:29 UhrLesedauer: 4 Min.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will den Ausbau der erneuerbaren Energien stärker steuern. Ihr Vorschlag dafür sorgt allerdings für große Unsicherheit in den Bundesländern.
Genau in der Woche, in der sich die Energieminister der Bundesländer auf Norderney getroffen haben, ist Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) wohl krank geworden. Das ist zumindest die Begründung, die ihre Mitarbeiter gegenüber der Deutschen Presse-Agentur angeben. Vertreten wurde sie von einem Staatssekretär, der sich digital zuschalten ließ.
Dabei hätte es auf der Nordseeinsel erheblichen Redebedarf gegeben: Reiche hatte erst kürzlich mehrere Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, die den Ausbau der erneuerbaren Energien einschränken könnten. So soll die Solarförderung für kleine Dachanlagen ab 2027 abgeschafft werden – das soll in einer Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) festgesetzt werden.
Außerdem soll der Bau neuer Wind- und Solarparks nur noch dort möglich sein, wo das Stromnetz bereits ausgebaut ist. Baut ein Investor trotzdem, dann soll er, wenn die Anlage wegen eines Netzengpasses ausgeschaltet werden muss, nicht mehr wie gehabt eine Entschädigung erhalten können. Dies nennt sich im Vorhaben von Reiche „Redispatch-Vorbehalt“ und wird in einem separaten Netzanschlussgesetz geregelt.

Was die Energiewende hemmt
Eines der zentralen Probleme der Energiewende ist, dass der Bau von Solar- und Windkraftanlagen schneller vorangeht als der Ausbau der Stromnetze. Daher sind Stromnetze immer wieder überfordert oder überlastet.
Betreiber von Anlagen für erneuerbare Energien erhalten nach aktuellem Recht eine Entschädigungszahlung, wenn sie aufgrund einer Netzüberlastung ihren erzeugten Strom nicht mehr einspeisen können, weil die Anlage abgeregelt wird. Das geschieht in Deutschland immer häufiger, da viele Wind- und Solaranlagen dort stehen, wo die Bedingungen für die Stromerzeugung günstig sind. Das ist aber nicht immer dort, wo der Strom auch benötigt wird. Im industriereichen Süden und Westen stehen in der Regel konventionelle Kraftwerke, die den Strom viel teurer erzeugen müssen.
All diese Kosten – Entschädigungszahlung, Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen, obwohl es günstigen Strom aus erneuerbaren Energien gäbe – nennt man Redispatch-Kosten. 2025 kosteten Redispatch-Maßnahmen rund 3 Milliarden Euro.
Energie-Pläne von Reiche: „Gift für Investitionen“
Investoren befürchten, dass diese Pläne den Ausbau der erneuerbaren Energien stark einschränken könnten. Björn Spiegel vom Energieunternehmen Agre Netz GmbH in Schleswig-Holstein erklärt: „Der vom Bundeswirtschaftsministerium geplante Redispatch-Vorbehalt ist Gift für Investitionen. Damit würden Banken aufhören, die Projekte zu finanzieren, was zu einem sofortigen Stopp der erneuerbaren Energien in bestimmten Regionen führen wird.“ Durch den Wegfall der Entschädigungszahlungen wäre es schwer kalkulierbar, wie hoch die Einnahmen eines neuen Windparks tatsächlich sein würden.
In Schleswig-Holstein sind die Bedingungen für die Windenergie besonders gut, deshalb wurde in den vergangenen Jahren dort stark zugebaut. „Es macht volkswirtschaftlich einfach Sinn, hier Windräder zu bauen und den Ausbau der Netze in dieser Region zu priorisieren“, sagt Spiegel.
Tatsächlich führt Schleswig-Holstein deutschlandweit das Ranking an, wenn es um die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien geht. 2025 stammten 88 Prozent der Stromerzeugung in dem nördlichsten Bundesland aus den Erneuerbaren, das meiste davon aus der Windkraft. Danach folgen Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen – also eben jene Länder mit Zugang zur See.
In Süddeutschland dominiert dafür die Solarenergie, insbesondere (aber nicht nur) durch private Solaranlagen auf Dächern. Die Solarbranche verzeichnet ebenfalls Auftragsrückgänge und Jobverluste durch die neuen Unsicherheiten.
Schleswig-Holstein zeigt, wie es geht
Die nördlichen Bundesländer kennen sich mit der Abschaltung (im Fachjargon spricht man von Abregelung) von Anlagen aufgrund von Netzengpässen auch besonders gut aus. Dort ist das schon lange ein Thema – dem man durch konsequenten Netzausbau bereits begegnet. Auf Anfrage von t-online sagt etwa das schleswig-holsteinische Landesministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur (MEKUN), dass 2015 noch 17 Prozent des erzeugten Stroms abgeregelt werden mussten. 2025 waren es nur noch 3,6 Prozent.











