Rente, Gesundheit, Pflege, Steuern – als wäre das nicht alles schon zu viel, stolpert die Koalition in einen Streit über die Arbeitszeit. Unser Kolumnist ist fassungslos.
Haben Sie schon eine Meinung zum Acht-Stunden-Tag? Merz will ihn angeblich schleifen, Bas will ihn retten. Aber die SPD hat im Koalitionsvertrag vereinbart, ihn abzuschaffen. Mit uns nicht, bricht es aus den Gewerkschaften heraus. Yasmin Fahimi, die DGB-Chefin, warnt vor einem Rückfall in die Zeit vor 1918. Vor 1918: Klassenkampf, Ausbeutung, entrechtete Massen! Wollen wir dahin zurück? Die schwarz-rote Koalition kündigt ein Reformgesetz bis zum Sommer an. Ob das gelingt, ist völlig offen, die Regierung ist ja groß im Ankündigen. Am besten, der Kanzler und sein Vize reservieren schon mal die Villa Borsig für das eine oder andere Wochenende, da kann man sich in Ruhe streiten.
Ganz im Ernst: Wir steuern gerade auf die absurdeste politische Kraftprobe zu, die dieses Land seit Langem erlebt hat. Sehenden Auges. Nein, das ist nicht übertrieben.
Beginnen wir bei Fahimi 1918. Tatsächlich hat die Gewerkschaftsbewegung damals ihre erste große Schlacht gewonnen. Der Acht-Stunden-Tag verbesserte das Leben der Arbeiter, er beschränkte die Verfügungsgewalt der Zechenherren und der Stahlbarone über ihre Leute, hier beginnt der Aufstieg der Gewerkschaften zu Massenorganisationen, die dem Kapital und der Politik auf Augenhöhe entgegentreten. Alle Achtung! Zur historischen Wahrheit gehört allerdings auch, dass der Acht-Stunden-Tag von damals eine 48-Stunden-Woche bedeutete, weil der Samstag ein ganz normaler Arbeitstag war.

Zur Person
Uwe Vorkötter gehört zu den erfahrensten Journalisten der Republik. Seit vier Jahrzehnten analysiert er Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, er hat schon die Bundeskanzler Schmidt und Kohl aus der Nähe beobachtet. Als Chefredakteur leitete er die „Stuttgarter Zeitung“, die „Berliner Zeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“. Er war Herausgeber von „Horizont“, einem Fachmedium für die Kommunikationsbranche. Bei t-online erscheint jeden Dienstag seine Kolumne „Elder Statesman“.
Das änderte sich in der jungen Bundesrepublik, als die Gewerkschaften ihre zweite große Arbeitszeitkampagne starteten: „Samstags gehört Vati mir“, lautete ab 1956 das Motto, fröhliche Kinder warben auf den Plakaten für die Familienzeit am Wochenende. Mitte der 60er-Jahre war die 40-Stunden-Woche mit freiem Samstag erreicht.
Zwanzig Jahre später begann die dritte große Auseinandersetzung um die Arbeitszeit. Mit einem erbitterten Streik setzte die IG Metall die 35-Stunden-Woche durch, sie wurde 1995 eingeführt, zunächst nur in Westdeutschland. Die DDR hatte in den Sechzigern die Arbeitszeiten ebenfalls schrittweise reduziert, 35 Stunden wurden aber nie angestrebt. Zur Zeit der Wiedervereinigung arbeiteten die Menschen im sozialistischen Osten 42 bis 44 Stunden, also länger als im kapitalistischen Westen.
„Mit Macht für die 8“
Als Fahimi auf dem DGB-Kongress den Sieg von 1918 beschwor, hielten viele Delegierte im Saal Schilder mit der Aufschrift „Mit Macht für die 8“ in die Höhe. Was haben sich eigentlich die Funktionäre und Betriebsräte der IG Metall dabei gedacht, als sie diese Parole laut beklatschten? Wollen sie zurück zum Acht-Stunden-Tag? War es ein Irrtum der sozialen Bewegung, die Siebenstunden-Schicht zu erstreiken? Als Friedrich Merz vor diesem Publikum auf Demografie und Mathematik verwies, erntete er lauten Protest. Wenn Menschen die Mathematik ausbuhen, ist Vorsicht angebracht. Meistens geht das schief.












