„Viele hatten mit Franziskus‘ Stil Probleme: direkt, spontan, unkonventionell“, sagt Batlogg. „Leo ist ein anderer Typ. Er arbeitet stärker mit der Kurie, nicht an ihr vorbei. Schon kurz nach seiner Wahl sagte er sinngemäß: Päpste kommen und gehen, die Kurie bleibt. Das war eine Streicheleinheit für den Apparat.“
Auch Politi beschreibt große Unterschiede zwischen den beiden Päpsten. „Franziskus war an der Basis demokratisch, in der Führung aber oft autokratisch. Leo setzt dagegen auf Teamarbeit. Er will systematisch mit den Kardinälen der Weltkirche arbeiten. Das ist neu.“
Batlogg betont gleichzeitig: „Aber Leo betreibt keine Rückabwicklung. Er versucht, Lager einzubinden, ohne den Kurs grundsätzlich zu ändern.“ Das zeige sich auch bei den großen Reformfragen. Beim Thema Frieden, bei Synodalität, bei Gerechtigkeit und bei den Armen setzt Leo den Kurs von Franziskus fort.
Aber Leo wisse auch, dass die Weltkirche extreme Unterschiede umfasst, sagt Politi. „Afrika, Südamerika oder Asien leben in völlig verschiedenen kulturellen und sozialen Wirklichkeiten. Deshalb geht es ihm darum, Unterschiede auszuhalten, ohne dass daraus Spaltungen entstehen.“ Leo werde den Reformkurs fortsetzen – aber langsamer, vorsichtiger und stärker institutionell abgesichert. „Franziskus war ein Eisbrecher. Leo ist ein Weber. Franziskus riss Mauern ein. Leo versucht jetzt, die zerrissene Kirche wieder zusammenzuflicken – ohne den Reformkurs aufzugeben“, so der Vatikan-Experte. „Aber Weben ist eben ein kompliziertes Handwerk.“
Ob Leo XIV. seine Kirche dauerhaft zusammenhalten kann, wird sich nach Ansicht beider Beobachter erst in den kommenden Jahren zeigen. Im Zentrum steht dabei die Weltsynode – jenes Reformprojekt, das Franziskus kurz vor seinem Tod verlängerte und das Leo übernommen hat.
Auch die Frauenfrage bleibt offen. Batlogg verweist darauf, dass Frauen weltweit einen Großteil des kirchlichen Lebens tragen. Franziskus habe bereits Frauen in vatikanische Spitzenpositionen gebracht. Doch die Debatte um Diakonat und Priestertum sei weiter ungelöst. „Die Frage des Frauendiakonats ist aus meiner Sicht offen. Leo wird sich damit beschäftigen müssen.“
Nach einem Jahr ist Leo XIV. nicht mehr der blasse Nachfolger von Franziskus. Er ist auch nicht der Anti-Trump, zu dem ihn manche machen wollen. Er ist ein Papst, der gerade dadurch auffällt, dass er nicht in die Sprache der Eskalation einsteigt. Das Fazit des Theologen Batlogg: „Ich vermisse Franziskus durchaus. Aber Leo war eine ausgezeichnete Wahl.“











