Bemannte Raumfahrt in Europa
Die Geschichte kennt kein Zögern
MeinungEin Gastbeitrag von Josef Aschbacher
20.05.2026 – 13:59 UhrLesedauer: 4 Min.
Nach der Änderung der Weltraumpläne der USA steht Europas Raumfahrt vor einer Entscheidung: eigene Macht im All oder dauerhafte Abhängigkeit von anderen, meint Esa-Chef Aschbacher. Es brauche jetzt dringend politische Entschlossenheit.
Zum Hintergrund: Die USA haben ihre Pläne für die Rückkehr zum Mond im Rahmen des sogenannten Artemis-Programms zuletzt deutlich verändert. Projekte wie die Raumstation „Lunar Gateway“ rund um den Mond oder eine geplante Mission zum Rücktransport von Marsproben wurden gestoppt oder verschoben. Für Europa ist das ein Problem, weil viele dieser Nasa-Projekte in Zusammenarbeit mit der Europäischen Raumfahrtorganisation Esa entstanden sind. In diesem Zusammenhang ist folgender Gastbeitrag entstanden:
Die jüngsten Änderungen der Vereinigten Staaten an der Artemis-Architektur deuten auf einen raschen Wandel in der astronautischen Exploration des Weltraums hin. Die Aussetzung des Lunar Gateway und die Streichung der Mission zur Rückführung von Mars-Bodenproben untergraben die europäischen Mondexplorationspläne und werfen das Licht auf eine Realität, die über den Raumfahrtsektor hinausgeht: Europa ist heute in zu hohem Maße Beschlüssen ausgesetzt, die sich seiner Kontrolle entziehen.
Europa muss sich entscheiden: Will es beim Transport seiner Astronauten von anderen abhängig bleiben oder selbst als uneingeschränkt handlungsfähige Raumfahrtmacht auftreten? Als Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) bin ich der festen Überzeugung, dass eine autonome astronautische Raumfahrt kein Luxus ist. Sie ist im Gegenteil unverzichtbar, um Europa die Freiheit zu sichern, das wissenschaftliche, wirtschaftliche, strategische und geopolitische Potenzial des Weltraums zu erschließen und eine neue Generation zur Gestaltung von Europas Zukunft zu inspirieren.
Ein Zögern mit langfristigen Folgen
Im Rahmen der Esa-Initiative „Explore 2040“ haben sich die Mitgliedstaaten bereits auf eine kohärente Explorationsstrategie geeinigt, die den Grundstein für Europas eigene Kapazitäten in der astronautischen und robotischen Raumfahrt legt. Dennoch wurde bei politischen Entscheidungen bislang stets versäumt, eine vollständige Autonomie in der astronautischen Exploration anzustreben – ein Zögern mit langfristigen Folgen. Um Europa aus dieser Sackgasse herauszuführen, bedarf es nun des politischen Willens, den Fahrplan zügig anzupassen und voranzubringen.
„Explore 2040“
Mit der Strategie „Explore 2040“ plant die Europäische Weltraumorganisation Esa ihre Raumfahrtziele bis zum Jahr 2040. Europa soll dabei stärker an bemannten Missionen beteiligt werden – zunächst im Erdorbit und später auf dem Mond und dem Mars. Geplant sind unter anderem neue Transport- und Landefähren, Kommunikationssysteme rund um den Mond sowie langfristig Technologien für Marsmissionen.
Die Esa entwickelt seit Jahrzehnten in der Erdbeobachtung, Navigation, Wissenschaft und Technologie Missionen und Systeme von Weltrang, an die nur wenige Akteure heranreichen. Vom weltweit umfassendsten Erdbeobachtungssystem Copernicus über Galileo als globale Referenz für die Satellitennavigation und wegweisende wissenschaftliche Flaggschiffmissionen, die unser Verständnis des Universums grundlegend verändern, bis hin zur Entwicklung von Technologien für die robotische Exploration hat die Esa europäische Ambitionen konsequent in operative Realität umgesetzt. Diese gewachsene Erfahrung ist nicht zufällig entstanden – sie verleiht Europa die Glaubwürdigkeit, seine Zukunft in der Exploration selbst zu gestalten.

Zur Person
Josef Aschbacher (63) ist ein österreichischer Raumfahrtexperte und seit 2021 Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation. Zuvor leitete er das Erdbeobachtungsprogramm der Esa und war maßgeblich an Projekten wie dem Satellitensystem Copernicus beteiligt. 2021 erhielt Josef Aschbacher die Grande Ufficiale Ordine al Merito della Repubblica Italiana – die höchste Auszeichnung Italiens, die Nicht-Italienern verliehen wird.












