Vorurteile und Ausgrenzung
Warum Krebspatienten gegen mehr als den Tumor kämpfen
28.10.2026 – 15:15 UhrLesedauer: 4 Min.
Ob in der Familie, im Job oder bei Versicherungen: Menschen mit Krebs treffen mitunter auf Vorurteile. Forscher haben Berichte darüber ausgewertet.
Nach einer Krebserkrankung wieder in den gewohnten Alltag zurückzukehren, ist oft schwierig. Nicht nur wegen der körperlichen und seelischen Spuren, die die Erkrankung hinterlassen kann, sondern auch, weil viele Betroffene in der Gesellschaft benachteiligt werden.
Wie diese Benachteiligung konkret aussieht, hat ein Forschungsteam aus Australien nun genauer untersucht. Das Ergebnis der Übersichtsarbeit liest sich bestürzend: Diskriminierung begegnet Betroffenen in nahezu allen Lebensbereichen.
Was wurde untersucht?
Die Forscher wollten sich ein Bild davon machen, wie Menschen wegen einer Krebserkrankung benachteiligt werden, welche Gründe dahinterstecken und welche Folgen das für die Betroffenen hat. Dafür werteten sie 116 wissenschaftliche Veröffentlichungen aus den Jahren 2004 bis 2025 aus, die diese Fragestellung zum Thema hatten.
In den meisten dieser Studien kamen Betroffene selbst zu Wort und berichteten beispielsweise in Interviews von ihren Erlebnissen. Insgesamt 83 Arbeiten beschäftigten sich mit solchen persönlichen Erfahrungen. Weitere 23 verbanden diese Berichte mit Zahlen und statistischen Auswertungen. Bei den übrigen zehn handelte es sich um Übersichtsarbeiten, in denen die Ergebnisse mehrerer Studien zusammengefasst worden waren.
Bei der Auswertung zeigte sich: Krebspatienten haben mit vielfältigen Formen der Diskriminierung zu kämpfen. Sie begegnet ihnen am Arbeitsplatz, bei der Jobsuche, beim Abschließen von Versicherungen, bei der Beantragung finanzieller Unterstützung, im Kontakt mit medizinischen Fachkräften. Und selbst in der Familie oder im Freundeskreis, dort also, wo sie nach der schweren Erkrankung auf Verständnis und Unterstützung hoffen, stoßen sie mitunter auf Vorurteile und Ablehnung.
Wenn das soziale Netz nicht mehr trägt
Im privaten Umfeld erlebten manche Krebspatienten, dass Freunde oder Angehörige auf Abstand gingen. Einige wurden sogar von ihrem Partner verlassen. Dahinter steckte manchmal die falsche Vorstellung, Krebs sei ansteckend. Andere wurden wegen sichtbarer Folgen ihrer Erkrankung oder Behandlung, etwa Haarausfall, verspottet oder ausgegrenzt. Aus Angst vor solchen Reaktionen verschwiegen manche Betroffene ihre Diagnose lieber ganz.
Vorurteile begegnen manchen Patienten sogar, wenn sie medizinische Hilfe suchen. Teilweise machen diese die Erfahrung, dass ihre Erkrankung als „selbst verschuldet“ angesehen wird. Besonders Menschen mit Lungenkrebs schilderten, dass Ärzte ihnen eine Mitschuld an ihrer Erkrankung gaben oder einfach davon ausgingen, dass sie geraucht hatten – selbst wenn das überhaupt nicht stimmte.
Diskriminierung im Berufsleben
Im Berufsleben bekamen manche von ihnen zu spüren, dass man ihnen nach einer Krebsdiagnose weniger zutraute. Sie berichteten von abgelehnten Bewerbungen, verpassten Aufstiegschancen und dem Druck, ihren Arbeitsplatz aufzugeben.
Dahinter steckte oft die Annahme, sie seien nicht mehr so leistungsfähig oder würden zu häufig krankheitsbedingt fehlen. Selbst Angehörige, die einen Krebspatienten pflegten, wurden wegen ihrer Fehlzeiten von Kollegen kritisiert oder schikaniert. Manche Betroffene nahmen schlechter bezahlte Stellen an, andere gerieten in finanzielle Schwierigkeiten, mussten ihre Ersparnisse aufbrauchen oder Schulden machen.
Probleme gab es auch mit Versicherungen – selbst lange nach einer überstandenen Erkrankung. In einer der ausgewerteten Studien berichteten Teilnehmer, dass sie über ihren Arbeitgeber keine Lebensversicherung bekommen konnten, obwohl sie seit mehr als zehn Jahren krebsfrei waren.
Wie verbreitet ist das Problem wirklich?
Wie viele Krebspatienten tatsächlich von Diskriminierung betroffen sind, lässt sich aus der Untersuchung nicht ableiten. Denn die Forscher haben vor allem persönliche Erfahrungsberichte ausgewertet und keine repräsentative Gruppe von Krebspatienten untersucht. Zudem haben sie nicht systematisch überprüft, wie zuverlässig die einzelnen Studien sind. Die Ergebnisse zeigen also, welche Formen der Benachteiligung vorkommen können, aber nicht, wie häufig sie auftreten.











