Er meidet Schlagzeilenpolitik, denkt nach, bevor er spricht – und zitiert dann gern Hannah Arendt, seine Lieblingsphilosophin. Im schnelllebigen Politikbetrieb legte er eine bedächtige Langsamkeit an den Tag. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagte er, wenn man fragte, warum das eine oder andere Vorhaben nicht vorankommt. Kritiker halten ihm vor, dass er in wesentlichen Bereichen wie dem Klimaschutz nicht viel erreicht hat.
Seine Unverkrampftheit macht ihn zur Kultfigur. Legendär ist etwa sein Satz zum Dienstwagen: „Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler, Basta! Ich kann doch keinen Fiat fahren!“ Mitten in der Energiekrise 2022 riet Kretschmann zum Waschlappen statt zur Dusche – und erhielt prompt kreative Post aus dem ganzen Land. Die Waschlappen-Sammlung ist nun im Haus der Geschichte zu bestaunen. Kürzlich folgte ein neuer Hygiene-Rat: „Es ist eigentlich besser, du kaufst a g“scheits Scheißhauspapier als a Glomb.“
Kretschmann steht für eine selten gewordene Ehrlichkeit in der Politik. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass er sich auf den Ruhestand freut. Nach all den Jahren nervt ihn der Politikbetrieb. „Da geht einem ja auch vieles auf den Senkel. Und da ist man froh, dass das rum ist.“ Er kann Sitzungen nicht ausstehen, die ewig dauern und zu nichts führen. Davon gibt es viele.
Was aber nun? Der Biologe will Pflanzen bestimmen, am Bauernhaus werkeln, vielleicht wieder an die Uni gehen – als Gasthörer. Zeit für Enkel, alte Freunde, versäumte Gespräche. Ganz verschwinden wird er aus der Öffentlichkeit wohl nicht. Er werde sicher noch Vorträge halten, sagt er, Erfahrungen weitergeben. „Die Leidenschaft zur Demokratie, die wird mich ja nicht verlassen.“
Zunächst mal muss er aber die Reiselust seiner Frau Gerlinde befriedigen. Die sei regelrecht reisewütig, beschwert sich Kretschmann. „Da werde ich nicht drum rum kommen.“ Dabei würde er am liebsten daheim in Sigmaringen bleiben. Aber, und das ist eine typische Kretschmann-Antwort: „Man muss immer Kompromisse machen, wenn man mit anderen Menschen zusammenlebt. Nicht nur in der Politik.“











