
Josef Schuster
Lage der Juden in Deutschland spiegelt die Lage unserer Demokratie
MeinungEin Gastbeitrag von Josef Schuster
26.01.2026 – 17:37 UhrLesedauer: 4 Min.
Am heutigen Holocaust-Gedenktag mahnt der Präsident des Zentralrats der Juden: Eine lebendige Erinnerungskultur ist der Schlüssel gegen autokratische Umtriebe, die zur Gefahr für die Demokratie werden.
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Der Anblick, der sich den Soldaten der Roten Armee damals bot, entzieht sich bis heute dem menschlichen Verstand. Auschwitz wurde zu dem Symbol der menschenverachtenden Gräueltaten und des Menschheitsverbrechens der Schoa.
Der industrielle Völkermord der Nationalsozialisten zielte auf die Vernichtung des europäischen Judentums. 81 Jahre später gibt es in Europa, gibt es in Deutschland jüdisches Leben. Dass es hier heute über 100 lebendige jüdische Gemeinden gibt, hat dieses Land einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Menschen zu verdanken.
Am 27. Januar gedenken wir als Gesellschaft der Opfer des Nationalsozialismus. Wir gedenken sechs Millionen ermordeter Juden, einer halben Million Sinti und Roma, der Menschen mit Behinderung, Kranken, Homosexuellen, der Menschen am Rande der Gesellschaft, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeitern und der politisch Widerständigen, die ermordet wurden. Ebenso gedenken wir all jener, die den NS-Terror überlebt haben.
Es waren diese Überlebenden, die 1945 einen Entschluss fassten, dessen Tragweite bis heute unmöglich überschätzt werden kann. Inmitten der Trümmer ihrer vormaligen Existenz stehend, beschlossen sie, an eine jüdische Perspektive in Deutschland zu glauben. Es waren Überlebende, die trotz der erlittenen Ausgrenzung, Entrechtung und Entmenschlichung zurückkehrten. Die sich ihre Heimat nicht nehmen lassen wollten.
Es waren diese Überlebenden, die mutig ihren Platz in Deutschland beanspruchten. Die nicht am Rande dieser Gesellschaft ein Schattendasein fristen, sondern sichtbar in ihrer Mitte stehen wollten.
Gegen teils erhebliche Widerstände prägten diese Überlebenden unsere Erinnerungskultur und waren Träger der demokratischen Erneuerung Deutschlands. Dass diese Erneuerung, die demokratische Kultur unseres Landes zu keinem Zeitpunkt eine Selbstverständlichkeit war, spüren wir heute.
Denn wir stehen heute an einem Wendepunkt. Die Zeit ist unerbittlich und die Überlebenden des NS-Terrors gehen von uns, während der Judenhass auf deutschen Straßen wieder zu Hause ist. Seit mehr als zwei Jahren greift er sich öffentlichen Raum, zeigt unverhohlen sein hässliches Haupt. Antisemitismus tritt immer enthemmter auf und wird in seiner Radikalisierung salonfähig – auch in der Mitte unserer Gesellschaft.
Der Antisemitismus hat eine unselige Eigenschaft: Er ist Brückenideologie für Rechtsextremisten, Linksextremisten und Islamisten gleichermaßen. Weil alle diese Feinde unserer offenen Gesellschaft den Judenhass fest in ihre Weltanschauung eingebettet haben, ist Antisemitismus ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen. Die Lage der Juden in Deutschland spiegelt die Lage unserer Demokratie.











