Warum verirrt sich ein Buckelwal in der Ostsee? Ein deutsch-australischer Forscher warnt vor einer Entwicklung, die viele übersehen.

Ein Buckelwal löst seit Wochen vor der deutschen Ostseeküste Aufsehen aus. Das Tier hat sich in flachen Gewässern verirrt und findet offenbar nicht mehr zurück ins offene Meer. Für den deutsch-australischen Meeresbiologen und Walforscher Jan-Olaf Meynecke ist das mehr als ein Einzelfall: „Er ist schon ein Botschafter, der uns eine Nachricht aus den Weltmeeren übermittelt.“

Meynecke forscht an der Griffith University an der Ostküste Australiens zu Walen und ihrem Verhalten. Auch mit Walstrandungen beschäftigt er sich: In einer 2024 im Fachjournal „Marine Science and Engineering“ veröffentlichten Studie untersuchte er mit seinem Team, wie weltweit mit Walkadavern umgegangen wird.

Walstrandungen seien zwar nicht ungewöhnlich, sagt Meynecke zu t-online. Auffällig sei jedoch, dass sich solche Vorfälle in den vergangenen Jahren häuften. Insbesondere würden Walarten in Regionen gesichtet, in denen sie normalerweise nicht vorkommen. Der Forscher spricht von „Displacement“ – einer Verdrängung oder Fehlwanderung, die verschiedene Ursachen haben kann: die Suche nach neuen Nahrungsquellen, Orientierungsprobleme oder Krankheiten. In einer einzigen Saison seien etwa Finwal, Beluga und der Buckelwal in der Ostsee gesichtet worden – ein ungewöhnlicher Befund.

Für Meynecke sind das Hinweise auf tiefgreifende Veränderungen der Ozeane. „Wir sehen die Zeichen, dass sich die Weltmeere stark verändern“, sagt er. „Die Wale sind unsere Botschafter.“

Dass sich derzeit so viele Menschen für das Schicksal des Tieres interessieren, bewertet der Experte grundsätzlich als positives Zeichen. „Viel schlimmer wäre es, wenn sich niemand dafür interessieren würde.“

Tatsächlich wirkt sich diese Aufmerksamkeit inzwischen auch an anderer Stelle positiv für die Tiere aus: Die Umweltschutzorganisation WWF hat zuletzt deutlich mehr Walpatenschaften verzeichnet – und führt den Anstieg auf den Buckelwal bei Wismar zurück.

„Es ist mehr Aufmerksamkeit auf dem Thema“, sagte eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur. „Die Menschen wollen was tun, tippen wir.“ In den vergangenen vier Wochen seien 113 neue Walpatenschaften abgeschlossen worden – in den vier Wochen zuvor seien es lediglich 15 gewesen. Auch die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd berichtet von mehr Anfragen und wachsender Unterstützung.

Der aktuelle Fall zeige zudem, wie kritisch solche Situationen für einzelne Tiere sind, so Meynecke. Ein Buckelwal könne in der Ostsee „nicht wirklich überleben“, erklärt er. Das Tier müsse zurück ins offene Meer finden. Doch genau daran scheitert es offenbar: „Er ist orientierungslos, gestresst und mittlerweile auch geschwächt. Seine Überlebenschancen schwinden mit der Zeit.“

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