Studie enthüllt
Warum wir uns im Frühling einreden, müde zu sein
09.03.2026 – 10:21 UhrLesedauer: 3 Min.
Viele Menschen leiden gefühlt unter Frühjahrsmüdigkeit. Dafür kursieren diverse Erklärungen. Forscher zweifeln diese aber an.
Im Frühjahr fühlen sich viele Menschen erschöpft – dafür gibt es hierzulande sogar einen eigenen Begriff: Frühjahrsmüdigkeit. Aber stimmt das überhaupt? Einer Schweizer Studie zufolge führt gerade der gängige Begriff dazu, dass wir verstärkt auf Müdigkeit achten.
Demnach gaben in einer Online-Umfrage zwar viele Menschen an, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. Aber detaillierte Befragungen von Hunderten Menschen über ein Jahr hinweg ergaben darauf keinerlei Hinweis. „Das hätte sich in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen“, sagt Studienleiterin Christine Blume von der Universität Basel.
Bei dem viel beschworenen Phänomen handele es sich nach ihren Erkenntnissen um einen Mythos im deutschsprachigen Raum, schreiben Blume und der Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital Bern im „Journal of Sleep Research“. Der sei gerade dadurch so mächtig, weil der Begriff Frühjahrsmüdigkeit so fest etabliert sei. Demnach handelt es sich quasi um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung.
Auf die Idee zu der Studie kam die Psychologin Blume, die am Zentrum für Chronobiologie forscht, weil Journalisten sie regelmäßig nach dem Ende des Winters kontaktierten, um Frühjahrsmüdigkeit zu erläutern. „Es existieren zahlreiche Hypothesen, um das Phänomen zu erklären“, sagt Blume. „Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert.“
Als Erklärung für Frühjahrsmüdigkeit wird mitunter angeführt, bei steigenden Temperaturen weiteten sich die Blutgefäße, und der Blutdruck sinke. Daran müsse sich der Körper erst gewöhnen. Zudem wird oft auf Hormone verwiesen, etwa auf einen Überschuss des „Nachthormons“ Melatonin nach dem Ende des Winters.
„Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel“, sagt Expertin Blume. Melatonin werde im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut. „Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht.“
Um die Frage zu klären, starteten Blume und Vorster vor zwei Jahren eine Online-Befragung. Dabei machten 418 Menschen ab April 2024 ein Jahr lang alle sechs Wochen Angaben zu Schlaf und Müdigkeit. Mit 47 Prozent gab zwar fast die Hälfte der Befragten an, selbst von Frühjahrsmüdigkeit betroffen zu sein. Doch die Einzelbefragungen im Jahresverlauf lieferten dafür keine Bestätigung: Es gab weder Hinweise auf vermehrte Erschöpfung noch auf erhöhte Tagesschläfrigkeit oder geringere Schlafqualität in dieser Jahreszeit.
„Im Frühling werden die Tage schnell länger“, sagt Blume. „Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss.“ Doch in den Daten spielte die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge änderte, keine Rolle für die Müdigkeit der Teilnehmer. „Wir fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen.“












