Erfolgreich in Österreich
Bekannte Zeitbank startet in Deutschland
15.07.2026 – 16:16 UhrLesedauer: 3 Min.
Wer anderen hilft, kann sich die investierte Zeit gutschreiben lassen und später wieder „abheben“: Ein bekanntes Projekt aus Österreich startet nun auch hierzulande.
Deutschland hat mit einer alternden Gesellschaft zu kämpfen: Rund drei Millionen Menschen sind hierzulande bereits 85 Jahre oder älter – seit Anfang der 1990er-Jahre hat sich deren Zahl somit fast verdreifacht. Viele von ihnen sind im Garten, im Haushalt oder beim Einkauf auf Hilfe angewiesen – doch nicht immer können Angehörige oder Pflegedienste diese im notwendigen Umfang leisten.
Wie Zeitbanken funktionieren
Eine Lösung für dieses Problem können sogenannte Zeitbanken darstellen. Das Prinzip ist simpel. Freiwillige unterstützen ältere oder hilfsbedürftige Menschen im Alltag, etwa beim Einkaufen, Arztbesuch oder einfach, indem sie ihnen Gesellschaft leisten. Für jede geleistete Stunde erhalten die Helfenden eine Gutschrift auf einem Zeitkonto. Benötigen die Helfenden irgendwann einmal selbst Hilfe, können Sie die angesparten Stunden einlösen.
In Österreich gibt es seit acht Jahren das Modell „Zeitpolster“, das nach dem oben genannten Prinzip funktioniert. 2.700 Menschen engagieren sich hier bereits ehrenamtlich, mittlerweile ist das Projekt in jeder fünften österreichischen Kommune aktiv.
Nun startet das Projekt auch in Deutschland. „Der demografische Wandel zwingt uns dazu, Pflege und Vorsorge völlig neu zu denken“, erklärt Nils Stakowski, Referent für Prävention beim Verband der privaten Krankenversicherer (PKV-Verband), der den Aufbau von „Zeitpolster“ in Deutschland finanziert. Angesichts sich verändernder Familienstrukturen und des Fachkräftemangels müssten Gemeinschaften als Ergänzung der Versorgung aufgebaut werden. Auf diese Weise könne die Selbstständigkeit älterer Menschen gesichert und die Pflegebedürftigkeit verzögert werden, so Stakowski.
Start in Recklinghausen
Den Auftakt in Deutschland bildet ein Projekt im Landkreis Recklinghausen, für das nun Freiwillige gesucht werden. Interessierte – sowohl Hilfsbedürftige als auch engagierte Freiwillige ab 18 Jahren – können sich per Mail unter [email protected] melden. Ein weiteres Projekt soll dann im Dezember starten – allerdings steht noch nicht fest, wo. Der PKV-Verband finanziert die fünfjährige Anlaufphase, betont aber, dass das Projekt allen Menschen – unabhängig von ihrem Versicherungsstatus – offensteht.
Wer Unterstützung benötigt, ohne aber Stunden angespart zu haben, zahlt einen Beitrag in Höhe von zwölf Euro pro Stunde. Ein Teil dieser Beiträge fließt in ein Notfallkonto, das das System absichert. Können Freiwillige den Bedarf vor Ort nicht decken, kann mit dem Geld professionelle Hilfe eingekauft werden.
Vorreiter Japan
Vollkommen neu ist die Idee von Zeitbanken allerdings nicht. Bereits 1973 wurde in Japan ein Zeitbank-System namens „Fureai Kippu“ gegründet, was so viel heißt wie „Ticket für eine Pflegebeziehung“. Vor allem Japan ist stark von der Alterung seiner Bevölkerung betroffen. Waren 1960 nur sechs Prozent der Japaner älter als 65 Jahre, lag deren Anteil 2019 bereits bei 28 Prozent – Tendenz steigend. Der immer größer werdende Anteil der Hochbetagten in der Gesellschaft stellt das Pflegesystem vor Problem. Private Initiativen wie „Fureai Kippu“ sprangen in der Folge ein, um entstehende Lücken zu füllen.









