Andreas Rödder zählt zu den einflussreichen Stimmen in CDU-Kreisen – und zu denen, die einen anderen Umgang der Partei mit der AfD fordern. Hier erklärt der Historiker, wie er auf die Lage der Union im Bund und in Sachsen-Anhalt blickt.
Die CDU befindet sich in der vielleicht schwersten Krise ihrer Geschichte. Erstmals hat die Partei den Einzug in einen Landtag verpasst, in den bundesweiten Umfragen wächst der Rückstand auf die AfD immer weiter – und ihr Kanzler Friedrich Merz ist so unbeliebt wie keiner seiner Amtsvorgänger.
Sorge herrschte bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bei vielen CDU-Mitgliedern, jetzt macht sich Panik breit. Und: Ratlosigkeit. Wie geht es weiter mit der Volkspartei, die nach Aussagen Merz‘ in manchen Teilen des Landes keine mehr ist? Und was bewirken die Geschehnisse im Landtag von Sachsen-Anhalt bei den Konservativen, wo naheliegt, dass der AfD-Politiker Tobias Rausch bei der Wahl zum Landtagspräsidenten Stimmen aus der CDU erhalten hat?
Einer, der sich mit diesen Fragen seit Langem beschäftigt und in der CDU als einflussreiche Stimme gilt, ist Andreas Rödder, selbst CDU-Mitglied, Professor für Geschichte an der Uni Mainz und Leiter der konservativen Denkfabrik „Republik 21“. Er wirbt seit Langem für einen anderen Umgang mit der AfD, plädiert für eine Abkehr von der „Brandmauer“ und für eine „Politik der roten Linien“. Die Idee: Die CDU sollte inhaltliche Standpunkte definieren, die für sie unverhandelbar sind, und dann die AfD damit konfrontieren. Springt die in Teilen rechtsextreme Partei über die Linie, bewegt sie sich also wieder in die Mitte, dann kann sie zumindest ein Gesprächspartner sein.
Im Interview mit t-online erklärt Rödder, wie die CDU damit wieder aus der Defensive kommen könnte – und wie Friedrich Merz doch noch als guter Kanzler in die Geschichtsbücher eingehen könnte.
t-online: Herr Rödder, wie nah steht die CDU am Abgrund?
Andreas Rödder: Die CDU befindet sich einer existenziellen Krise. Krise heißt wörtlich: Entscheidung beziehungsweise entscheidende Wendung. Wird die Krankheit noch schwerer, vielleicht sogar tödlich? Oder leitet die Krise den Prozess der Genesung ein?
Welche Medizin würde diese Genesung denn fördern? Was kann die CDU retten, will sie Volkspartei bleiben und nicht dem Schicksal entgegenschlittern, das absehbar der SPD drohen könnte?
Das entscheidende Problem der Union ist, dass sie in der Defensive ist – und zwar gegenüber allen Seiten. Die politische Linke treibt sie. Die AfD bedrängt sie. Und alles, was CDU und CSU bislang dazu einfiel, ist ein Festhalten an der „Brandmauer“, obwohl das über Jahre keinen Erfolg gebracht hat. Die CDU muss wieder in die Offensive kommen. Sie muss selbstbewusst ihre eigene Politik vertreten. Nur dann kann sie wieder zur eigenen Stärke zurückfinden. Noch ist das möglich.

Zur Person
Andreas Rödder, Jahrgang 1967, ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Zugleich leitet er die liberal-konservative Denkfabrik für neue bürgerliche Politik, „Republik 21“. Rödder ist CDU-Mitglied und leitete 2022 bis 2023 die Grundwertekommission der CDU. Rödder ist verheiratet und hat drei Kinder.












