„Massiver wirtschaftlicher Schaden“
Psychische Gesundheit: Wie sehr belastet uns die Dauerkrise?
Aktualisiert am 09.10.2026 – 10:46 UhrLesedauer: 4 Min.
Pandemie, Kriege, Inflation: Die Krisen der vergangenen Jahre hinterlassen Spuren in der Psyche vieler Menschen. Welche Folgen hat das?
Viele Deutsche haben Angst vor Geldnöten, Migration und Krieg. Doch bedeuten mehr Krisen auch mehr psychische Belastung? Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bejahen das. Seit dem Jahr 2020 zeigten sich beim seelischen Wohlbefinden in Deutschland Negativ-Trends. Ein Hotspot aktuell: junge Frauen.
Eine Krise jagt die nächste
Andreas Meyer-Lindenberg, Leiter des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim erklärt: „Es gibt diese Abfolgen von Krisen. Erst die Pandemie, dann der Angriffskrieg auf die Ukraine mit all seinen auch wirtschaftlichen Folgen. Das wird in Deutschland auch als gesamtgesellschaftliche Bedrohung wahrgenommen.“
Das hinterlässt Spuren: Eine stärkere psychische Belastung der Bundesbürger belegen repräsentative Umfragen des Robert Koch-Instituts (RKI). Caroline Cohrdes, kommissarische Leiterin des Fachgebiets Psychische Gesundheit am RKI berichtet: „Wir sehen tatsächlich seit 2020 einen ansteigenden Trend, etwa eine Zunahme von depressiven Symptomen und Angstsymptomen in der Bevölkerung. Insgesamt kann man sagen, dass sich die psychische Gesundheit in Deutschland verschlechtert hat.“
Runde jeder Fünfte zeigt depressive Symptome
Der Anteil von depressiven Symptomen bei den Erwachsenen in der Bevölkerung liegt in der Befragung für 2024 bei rund 22 Prozent. Diese Angaben spiegeln sich im vergleichbaren Zeitraum in hausärztlichen oder psychotherapeutischen Praxen: Diagnosen depressiver Störungen im ambulanten Bereich lagen 2023 bei etwa 17 Prozent, sagt Cohrdes. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in anderen RKI-Daten zur psychischen Gesundheit.
28 Prozent der befragten Erwachsenen schätzten ihr psychisches Wohlbefinden 2024 als eher schlecht ein. Nur rund 11 Prozent fühlten sich eher gut. „Das ist ein überraschend niedriges Ergebnis“, erläutert die Forscherin. „Seit den Pandemiejahren sehen wir in verschiedenen Bereichen der psychischen Gesundheit auffällig steigende negative Tendenzen.“ Daten für 2025 sind bislang nicht abschließend ausgewertet.
Wie zeigt sich psychische Belastung?
Psychische Belastung kann sich sehr unterschiedlich äußern – und auch in ganz verschiedenen Lebensbereichen. „Bei einer depressiven Symptomatik können das unter anderem Niedergeschlagenheit sein, der Verlust von Interessen und Freude, Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme“, beschreibt es Cohrdes. Mehr Informationen darüber, wie sich eine Depression äußern kann, finden Sie hier.
„Bei Angstsymptomen sind Kernanzeichen, dass man Sorgen nicht so leicht stoppen kann.“ Dieses chronische Grübeln könne zusammen mit häufig auftretender Nervosität und Anspannung unter anderem dazu führen, dass sich alltägliche Dinge schwerer erledigen ließen.
Wer hat ein besonderes Risiko für psychische Belastungen?
„Besonders hoch sind depressive Symptome und Angstsymptome in Deutschland aktuell bei jüngeren Erwachsenen“, berichtet die RKI-Expertin. „Das ist ein Befund, den wir ernst nehmen müssen.“ Frauen seien häufiger betroffen als Männer. „Besonders hohe Werte sehen wir aktuell bei jungen Frauen.“
Für das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit ergänzt Psychiater Meyer-Lindenberg: „In der Praxis sehen wir einen sehr großen Anstieg bestimmter psychischer Störungen bei jungen Menschen – am deutlichsten bei Essstörungen.“ Generell zeigen sich depressive Symptome nach RKI-Erkenntnissen häufiger bei Menschen, die keinen höheren Bildungsgrad erreichen konnten. Das gilt auch für Personen mit einem niedrigen Einkommen.
Was bedeutet das für eine Gesellschaft?
Psychische Erkrankungen seien inzwischen die Hauptursache für Frühberentungen, sagt Andreas Meyer-Lindenberg. „Sie sind auch ein Hauptgrund dafür, warum Menschen krankgeschrieben sind, häufig sehr lang. Das verursacht einen massiven wirtschaftlichen Schaden.“












