Bochsler erhielt Einblick in Zürcher Polizeiakten. Daraus ging hervor, dass die Wohnung 1961 überwacht wurde. Die Polizei notierte unter anderem Fahrten von Mengeles Ehefrau in ihrem Volkswagen – begleitet von einem unbekannten Mann. Ob es sich dabei um Josef Mengele handelte, blieb ungeklärt.
- Ende des Zweiten Weltkriegs: „Er war die widerlichste Nazi-Kreatur“
Mengele-Akten sollten bis 2071 geheim bleiben
Die Akten der Schweizer Bundespolizei blieben Historikern jedoch jahrelang verschlossen. Das Schweizer Bundesarchiv begründete dies mit nationaler Sicherheit und dem Schutz der erweiterten Familie. Die Dokumente sollten bis 2071 geheim bleiben.
Der Historiker Gérard Wettstein wollte das nicht akzeptieren. Er klagte gegen die Entscheidung und sammelte per Crowdfunding Geld für das Verfahren. Innerhalb weniger Tage kamen nach seinen Angaben rund 18.000 Schweizer Franken zusammen. „Solange die Akten bis 2071 geschlossen bleiben, nährt das Verschwörungstheorien“, sagte Wettstein im Gespräch mit der BBC. „Jeder sagt dann: Sie müssen etwas zu verbergen haben.“
Kurz darauf änderte der Schweizer Nachrichtendienst seine Haltung. In einer Erklärung hieß es, dem Beschwerdeführer werde Zugang zu den Akten gewährt – allerdings unter noch festzulegenden „Bedingungen und Auflagen“.
„Verschwörungstheorien erst befeuert“
Nicht alle Historiker glauben, dass die Dokumente spektakuläre neue Erkenntnisse über Mengele selbst enthalten. Sacha Zala, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte, vermutet Hinweise auf Kontakte zwischen Schweizer Behörden und ausländischen Geheimdiensten.
Ende der 1950er-Jahre jagte der israelische Geheimdienst Mossad weltweit geflohene NS-Verbrecher. Zala hält es für möglich, dass Informationen oder Informanten geschützt werden sollten. Gleichzeitig kritisiert er die jahrzehntelange Geheimhaltung scharf. „Auf diese Weise hat die Verwaltung Verschwörungstheorien erst befeuert“, sagte er der BBC.
Sorge vor geschwärzten Dokumenten
Auch andere Historiker sehen in dem Fall vor allem ein Spiegelbild der Schweizer Vergangenheit. Jakob Tanner, Mitglied der früheren Kommission zur Aufarbeitung der Schweizer Rolle im Zweiten Weltkrieg, spricht von einem Konflikt zwischen historischer Transparenz und nationaler Sicherheit.
Die Schweiz ringt bis heute mit ihrer Rolle während der NS-Zeit. Damals wurden jüdische Flüchtlinge an den Grenzen zurückgewiesen. Während die Schweizer Banken Gelder jüdischer Familien behielten, die in NS-Konzentrationslagern ermordet wurden.










