Linnemann will Reform
Wie viele Krankenkassen braucht das Land?
03.11.2026 – 18:06 UhrLesedauer: 3 Min.
Bundesgesundheitsminister Linnemann überlegt, die Zahl der Kassen deutlich zu reduzieren. Ob dadurch die Kosten sinken, ist allerdings umstritten.
Voraussichtlich am 18. Dezember soll es so weit sein: Dann will die Finanzkommission Gesundheit ihren zweiten Bericht mit Vorschlägen zu weitreichenden Strukturreformen im Gesundheitssystem vorstellen. Dabei soll es auch um die Zahl der Krankenkassen gehen, die nach Ansicht von Kritikern zu hoch ist.
Zu diesen gehört auch der amtierende Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann. Bereits im Frühjahr hatte Linnemann sich dafür ausgesprochen, die Zahl der Krankenkassen von derzeit 92 auf maximal 20 zu reduzieren. Auch eine Mindestgröße für Krankenkassen brachte Linnemann ins Spiel.
Leistung der Krankenkassen entscheidend
Im Interview mit dem „Handelsblatt“ betonte Linnemann nun, dass es ihm nicht allein um die Größe der Krankenkassen gehe. Entscheidend sei zudem, „was eine Krankenkasse leisten muss, etwa im digitalen Zeitalter“. Darunter fasst Linnemann unter anderem die Themen Cybersicherheit, Datenverarbeitung und auch Künstliche Intelligenz. „Deswegen müssen sich auch die Strukturen der Krankenkassen verändern“, so Linnemann. Gleichzeitig betonte der Minister, den Bericht der Kommission abwarten zu wollen, bevor er tätig werde.
In der jüngeren Vergangenheit hatten einige Krankenkassen beschlossene Fusionen bereits mit steigenden Anforderungen bei der Digitalisierung begründet. „Größere Organisationen schaffen die Voraussetzungen, wirtschaftlich stabil zu bleiben und notwendige Investitionen zu stemmen“, stellte Andreas Erb, Vorsitzender des Verwaltungsrates der BKK Pfalz, fest. Die Krankenkasse wird zum Jahreswechsel mit der größeren mkk zusammengelegt.
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Die Einführung neuer Systeme ist kostspielig und könnte kleinere Krankenkassen finanziell überfordern. 35 Kassen hatten zum 1. April dieses Jahres weniger als 250.000 Versicherte – für diese sind der digitale Umbau und Themen wie Datensicherheit ungleich teurer als für die großen Krankenkassen, da sie die entsprechenden Kosten auf weniger Mitglieder verteilen können. Auch KI-Modelle benötigen einen möglichst großen Datensatz – auch hier wären die größeren Kassen im Vorteil.
Gleichzeitig warnt Annika Herr, Gesundheitsökonomin an der Leibniz Universität Hannover, im „Handelsblatt“ vor einer zu großen Erwartungshaltung. „Die Zahl der Versicherten allein ist kein verlässlicher Indikator für digitale Leistungsfähigkeit.“ Auch eine bessere medizinische Versorgung durch größere Krankenkassen sei nicht eindeutig belegt.
Fusion könnte Kosten kurzfristig deutlich erhöhen
Zudem dürften Fusionen kurzfristig die Kosten für die Krankenkassen deutlich erhöhen. So müssten diese ihre teils unterschiedlichen IT-Systeme und Datenbestände zusammenführen. Das kann teuer werden, wie ein Blick nach Österreich zeigt. Dort waren im Jahr 2020 die bis dahin 21 eigenständigen Sozialversicherungsträger auf fünf Träger reduziert worden. Doch statt – wie von der Politik versprochen – eine Milliarde Euro einzusparen, wurde es teuer. Der Österreichische Rechnungshof rechnete mit kurzfristigen Mehrkosten von über 200 Millionen Euro – eben auch, weil die vollkommen unterschiedlichen IT-Systeme der einzelnen Kassen zusammengefasst werden mussten.
Kostengünstiger erscheint hingegen ein Weg, den bereits viele Kassen gehen. So können Kassen bei der Entwicklung neuer IT-Dienstleistungen kooperieren, etwa über gemeinsame IT-Dienstleister wie Bitmarck. Das Unternehmen, das im Besitz zahlreicher Krankenkassen ist, entwickelt Anwendungen für Verwaltung und Versicherte, von denen alle Mitglieder profitieren können.
