In Berlin leben mehr als 300.000 Muslime. Bald beginnt für sie der Fastenmonat Ramadan. Doch diese Zeit bedeutet mehr als Enthaltsamkeit.
Am 1. März startet offiziell der muslimische Fastenmonat Ramadan. Gläubige verzichten in dieser Zeit tagsüber auf Essen, Trinken, Rauchen und Sex. Ramadan endet am 30. März mit dem Zuckerfest (Eid al-Fitr). Der Fastenmonat fällt immer auf den neunten Monat des islamischen Mondkalenders und verschiebt sich deshalb jedes Jahr um elf Tage zurück. Dadurch wandert er durch alle Jahreszeiten.
Im Interview erklärt der Imam und islamische Theologe Scharjil Khalid der muslimischen Religionsgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat in Berlin, warum Muslime während des Ramadan aufs Essen verzichten, wie die Gläubigen damit umgehen und weshalb er die Bezeichnung „Zuckerfest“ problematisch findet.
t-online: Was genau bedeutet der Ramadan den Muslimen?
Scharjil Khalid: Es ist der Heilige Monat, in dem der Koran offenbart wurde. Und der Koran ist das heilige Buch der Muslime, das Wort Gottes. Muslime versuchen, sich in diesem Monat besonders der islamischen Praxis hinzugeben. Das Fasten im Ramadan leistet dafür einen wesentlichen Beitrag.
Zwischen der ersten Morgenröte bis zum Sonnenuntergang dürfen Muslime einen Monat lang tagsüber nichts essen und trinken. Warum?
In der islamischen Mystik gibt es einen Satz, der besagt, dass man die körperliche Nahrung reduziert und die seelische Nahrung erhöht. Wir geben der Meditation, Spiritualität und unserer geistigen Weiterentwicklung im Ramadan mehr Raum. In dieser Zeit sollen wir zum Beispiel auch viel spenden. Gerade in einer Gesellschaft, die stark von Individualismus und Egozentrismus geprägt ist, ist das wichtig. Der Islam lehrt, in gewissen Situationen sein eigenes Recht für einen höheren Zweck aufzugeben. Man soll stattdessen an das Gemeinwohl denken. Durch das Fasten lernt der Muslim, sein Ego zu bändigen.
Es geht also nicht nur um einfache Enthaltsamkeit.
Genau. Ich nenne noch einmal einen dritten Punkt: Die ersten drei bis vier Tage des Fastens sind wirklich anstrengend, weil es eine Umgewöhnung für den Körper ist. Doch genau dadurch bekommen Muslime ein stärkeres Mitgefühl für Menschen, die wirklich nichts zu essen und zu trinken haben. Es sorgt dafür, dass wir uns viel mehr für soziale Gerechtigkeit und für das Wohl der Menschen einsetzen. Der Ramadan ist nicht der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben – im Gegenteil. Es ist eine Stärkung der Moral, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Die Gläubigen sind viel leistungsfähiger, weil sie zielgerichteter sind.
Imam Scharjil Khalid
Sie sagten bereits: Es ist ein gewisser Kraftakt. Wie gehen die Muslime damit um?
Ich sehe bei vielen Muslimen, dass sie eine unglaubliche Geduld und Ausdauer entwickeln, die im Alltag sonst nicht vorhanden ist. Die Gläubigen sind viel leistungsfähiger, weil sie zielgerichteter arbeiten. Sie versuchen, unter anderem ihre Aktivität in den sozialen Medien zu reduzieren und die Zeit effizienter zu nutzen, etwa mit einem Buch. Dadurch werden auch die jungen Menschen viel besonnener und reflektierter.
Es gibt doch sicherlich auch Muslime, die den Verzicht von Essen und Trinken nicht gut wegstecken.
Natürlich. Gerade am Ende des Fastentages sind einige Menschen erschöpft. Es ist teilweise so, dass Muslime einfach schlafen, um den Tag zu überbrücken – doch das ist nicht der Sinn des Fastens. Man soll sich lieber in Selbstdisziplin und Achtsamkeit üben. Gerade in einer Zeit, in der es viele Reize gibt. Wir kennen es doch alle: Irgendwo liegen Bonbons herum und man greift sofort danach. Im Ramadan wollen wir auch lernen, uns zu zügeln, zu bändigen und bewusster mit unseren Bedürfnissen umzugehen.
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Müssen alle Muslime im Ramadan fasten?
In der Regel ist man vom Fasten befreit, wenn man krank oder auf Reisen ist – nach manchen Lehrmeinungen auch, wenn eine Prüfung ansteht. Die versäumten Fastentage sollte man im Laufe des Jahres irgendwann nachholen. Außerdem dürfen Minderjährige nicht fasten. Man muss geistig und körperlich reif sein.