Angesehene Professorin kritisiert Walrettung

„Mitgefühl ohne Evidenz kann in die Irre führen“


Aktualisiert am 22.04.2026 – 11:50 UhrLesedauer: 3 Min.

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Menschen stehen am Kadaver eines 17 Meter langen Finnwals, der am Strand in East Yorkshire liegt. Der 30 Tonnen schwere Wal starb im Mai 2023. (Quelle: Danny Lawson/dpa)

Eine Professorin kritisiert den Rettungsversuch für Buckelwal Timmy scharf. Ihrer Ansicht nach kann Mitgefühl ohne wissenschaftliche Grundlage mehr Schaden anrichten als Gutes tun.

Der Buckelwal, der über Wochen hinweg immer wieder in flachen Gewässern der Ostsee strandet, erregt auch international Aufsehen. Während eine private Initiative versucht, den Wal aus dem flachen Gewässer Richtung Nordsee zu treiben, wird das Tier, liebevoll Timmy genannt, zunehmend schwächer.

Dabei waren Meeresbiologen und Tierärzte bereits Anfang des Monats zu einer klaren Einschätzung gekommen: Weitere Rettungsversuche hätten voraussichtlich keinen Erfolg. Stattdessen könnten sie das Leiden des Wals verlängern. Fachleute des Deutschen Meeresmuseums sowie des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung und internationale Organisationen hatten übereinstimmend festgestellt, dass die Überlebenschancen des Wals gering seien.

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Trotz dieser Einschätzung dulden die deutschen Landesbehörden den neuen Rettungsversuch. Ins Zentrum der öffentlichen Debatte rückt daher die Frage: Wann ist Hilfe sinnvoll, und wann richtet sie mehr Schaden an?

Was wie ein Akt der Fürsorge wirkt, kann gefährlich sein

Die neuseeländische Professorin für Meeresökologie, Karen Stockin, liefert eine klare Antwort darauf: „Auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Akt des Mitgefühls. Doch unter der Oberfläche liegt eine schwierigere Wahrheit“, schreibt sie in einem Beitrag im Wissenschaftsmagazin „The Conversation“.

„Wie unsere Forschung zeigt, können sich die Ergebnisse für genau die Tiere, die wir schützen wollen, verschlechtern, wenn wissenschaftlicher Rat zugunsten öffentlicher Stimmung übergangen wird“, führt die Vorsitzende des Ethikausschusses der Society for Marine Mammalogy und Mitglied des Expertengremiums für Strandungen der Internationalen Walfangkommission (IWC) weiter aus.

Große, charismatische Tiere wie Wale lösten starke emotionale Reaktionen aus. Sie seien intelligent, ausdrucksstark und wirkten bei einer Strandung sichtbar verletzlich.
„Für viele Menschen erscheint es moralisch nicht vertretbar, nicht einzugreifen; Untätigkeit wird oft als Vernachlässigung wahrgenommen.“

Livestream | Die Lage des Wals Timmy vor Ort

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Quelle: News5

„Möglichkeit zum Eingreifen bedeutet nicht dessen Rechtfertigung“

Doch die Wildtiermedizin folge anderen Kriterien. Experten bewerten das Tierwohl demnach anhand messbarer physiologischer, verhaltensbezogener und umweltbezogener Faktoren. Die Öffentlichkeit orientiere sich hingegen häufig an sichtbarem Einsatz und der Absicht zu helfen. „Daraus entsteht eine überzeugend wirkende, aber fehlerhafte Annahme: dass mehr Tun automatisch besser ist“, schreibt Stockin.

Ein grundlegendes Prinzip der veterinärmedizinischen Ethik laute hingegen, dass die Möglichkeit zum Eingreifen nicht automatisch dessen Rechtfertigung bedeutet. „Jeder Rettungsversuch birgt Risiken: Stress durch Handhabung, Verletzungen, verlängertes Leiden und die Bindung begrenzter Ressourcen“, führt die Professorin aus. „Wenn eine Genesung höchst unwahrscheinlich ist, kann weiteres Eingreifen von Fürsorge zu Schaden mutieren. Gerade in solchen Fällen verschärft sich die ethische Bewertung. Doch genau dann nimmt der öffentliche Druck oft zu.“

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