Zukunft des Gesundheitssystems
DDR-Kultfigur wird plötzlich zum Vorbild
29.08.2026 – 15:32 UhrLesedauer: 3 Min.
Die Bundesregierung plant die Einführung eines Primärversorgungssystems. Angesichts des Hausarztmangels könnte ein System aus der ehemaligen DDR eine Rückkehr feiern.
Nach der Reform heißt im deutschen Gesundheitssystem auch immer vor der Reform. Nachdem das jüngst vom Bundestag verabschiedete Beitragssatzstabilisierungsgesetz vor allem kurzfristig die finanzielle Situation der Krankenkassen verbessern soll, stehen nun grundlegendere Reformen auf der politischen Agenda.
Die Finanzkommission Gesundheit – ein Expertengremium, das bereits für das Beitragssatzstabilisierungsgesetz die Grundlagen geschaffen hat – arbeitet derzeit an ihrem zweiten Bericht. In diesem soll es auch um die Einführung eines geplanten Primärversorgungssystems gehen, wie die Kommissionsmitglieder Ferdinand Gerlach und Jonas Schreyögg nun in einem Interview mit der „Ärztezeitung“ ausführten.
Hausarzt wird zur ersten Anlaufstelle
Die Einführung eines Primärarzt- bzw. Primärversorgungssystem ist eines der wichtigsten Vorhaben der Bundesregierung im Gesundheitswesen. Es sieht vor, dass der Hausarzt verpflichtend zur ersten Anlaufstation für alle Patienten werden soll. Dieser schaut sich das jeweilige Problem an und überweist – sofern er das Problem nicht selbst lösen kann – die Patienten bei Bedarf an passende Fachärzte.
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Auf diese Weise will die Bundesregierung die Zahl unnötiger Arztbesuche deutlich reduzieren. Mit durchschnittlich 9,7 Arzt-Patienten-Kontakten pro Jahr liegt Deutschland im internationalen Vergleich weit vorn. Zudem kommt Deutschland laut Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt auf eine der höchsten Krankenhausbehandlungszahlen weltweit. Durch ein Primärarztsystem soll die Zahl der Arztbesuche deutlich gesenkt werden, wodurch sich auch die Wartezeiten für einen Facharzttermin verkürzen sollen.
Bereits 5.000 Hausarztsitze unbesetzt
Gleichzeitig ist die Zahl der Hausärzte in Deutschland gering. Rund 5.000 Hausarztsitze sind momentan unbesetzt. Diese Zahl könnte in naher Zukunft deutlich steigen. Laut einer Studie im Auftrag des Bosch Health Campus könnten bis 2040 rund 12.000 Hausarztsitze frei bleiben – das entspricht einem Fünftel aller Sitze. Vielen Regionen, vor allem ländlich gelegenen, droht eine Unterversorgung. In welchen Regionen eine Unterversorgung droht, können Sie hier nachlesen.
Was ist ein Hausarztsitz?
Ein Hausarztsitz ist die offizielle Zulassung für Mediziner, um die Behandlung gesetzlich versicherter Patienten abrechnen zu dürfen. Ohne einen solchen Sitz darf ein Arzt zwar Privatpatienten oder Selbstzahler behandeln, nicht aber Kassenpatienten. Ein Hausarztsitz ist nicht zwingend an eine Person gebunden – er kann auch zwischen mehreren Ärzten geteilt oder von einem Medizinischen Versorgungszentrum mit mehreren Ärzten erworben werden.
Doch wie kann ein Primärversorgungssystem ohne genügend Hausärzte funktionieren? Neben höheren Honoraren für Hausärzte in unterversorgten Regionen sprechen sich Gerlach und Schreyögg für Investitionen in Primärversorgungszentren aus.
Ein solches Zentrum müsse nicht zwingend von einem Arzt geleitet werden, bemerken die Kommissionsmitglieder. Denkbar wäre, dass die Patientenversorgung zu großen Teilen durch andere Berufsgruppen erfolgen könnte. Die Kompetenzen von Krankenschwestern und Arzthelferinnen müssten entsprechend erweitert werden. Regulatorisch sei man hier jedoch noch in einer Grauzone, bemerkte Gerlach.
