
„The Line“
Saudi-Arabiens Großprojekte vor dem Aus
18.11.2025 – 12:38 UhrLesedauer: 6 Min.

Saudi-Arabien hat den Bau einer gigantischen Zukunftsstadt durch die Wüste vorzeitig gestoppt. Berichte zeigen, wie der Traum des Landesherrschers platzte.
Das Bauprojekt im Mittelpunkt von Saudi-Arabiens Zukunftsvision „Neom“ klang zu fantastisch, um wahr zu sein. „The Line“ sollte eine 170 Kilometer lange, 500 Meter hohe Science-Fiction-Metropole werden, in der neun Millionen Menschen leben sollten. Um diese Utopie Wirklichkeit werden zu lassen, versetzten Hunderttausende Arbeiter mit Tausenden Fahrzeugen in der Wüste des Königreichs buchstäblich Berge, nur um die Fundamente von The Line zu legen. Auf Satellitenbildern ist der Umriss der Linie bereits aus dem Weltall zu sehen.
Doch jetzt stehen vielerorts die Bauarbeiten still. Das Königreich hat die Pläne beträchtlich zurückgefahren. Ob jemals auch nur ein Meter der vertikalen Stadt fertig wird, ist ungewiss. Recherchen des „Wall Street Journal“ (WSJ) und der „Financial Times“ (FT) zeigen, wie die wirtschaftliche Realität die Träume von Kronprinz Mohammed bin Salman eingeholt hat.
„Neom“ war von Beginn an mehr als ein Bauprojekt: Für den autoritären De-facto-Herrscher sollte es zum Symbol seiner Agenda „Vision 2030“ werden, die Saudi-Arabien von der Öl-Ökonomie in eine digitale Zukunft führen sollte. In einer Discovery-Dokumentation über „The Line“ erklärte bin Salman im Jahr 2023, viele Projekte im Königreich würden als nicht realisierbar und zu ambitioniert abgetan, doch Saudi-Arabien werde den Skeptikern „das Gegenteil beweisen“.
Die Idee der linearen Stadt stammt demnach direkt von bin Salman. In der Dokumentation erklärt der Kronprinz, wie er einen anfangs konventionell geplanten, zwei Kilometer breiten Siedlungsstreifen gedanklich „zusammenklappte“ und zu einer 500 Meter hohen, verspiegelten Wand verdichtete, in der die Menschen in die Vertikale ziehen sollten. Trotz Warnungen von Planern und Architekten bestand er darauf, dass The Line 500 Meter hoch und 200 Meter breit werden müsse – eine Entscheidung, die nicht nur die Statik, sondern auch die Kosten in extreme Höhen trieb.
Doch der Kronprinz verfügt im Königreich über die Kontrollmacht. Er ist Vorsitzender des „Neom“-Verwaltungsrats, seine Zustimmung ist für zentrale architektonische Entscheidungen nötig. Mitarbeiter beschrieben in den „FT“ und dem „WSJ“, wie sich der Kronprinz grundsätzlich mit einem Gefolge von 40 bis 50 Personen umgibt. In Entscheidungsrunden habe bin Salman Ideen präsentiert, für die sein Umfeld applaudierte. Es habe eine Atmosphäre der Angst geherrscht, in der Kritiker still blieben.









