Diskothek Liverpool
Neonazi-Anschlag: War die offizielle Version immer falsch?
Aktualisiert am 24.04.2026 – 06:59 UhrLesedauer: 2 Min.
München, 1984: Neonazis zünden eine Diskothek an – doch die Polizei sucht die Täter im Rotlichtmilieu. Was Ermittler damals übersahen, ist bis heute brisant.
Vier Jahrzehnte nach dem Brandanschlag der „Gruppe Ludwig“ auf die Münchner Diskothek Liverpool rückt der Fall wieder in den Fokus. Die italienische Journalistin Alessandra Coppola hat neue Erkenntnisse zusammengetragen und kommt zu einem ernüchternden Schluss: Die damaligen Ermittlungen hatten wohl das wahre Ausmaß des rechten Terrors nicht erfasst, wie die „Abendzeitung“ berichtet.
Eine Fehldeutung, die den Blick auf die eigentlichen Täter verstellt habe, so Coppola. Dabei war das Bekennerschreiben, das kurz nach dem Anschlag bei der italienischen Presseagentur Ansa einging, unmissverständlich: „Im Liverpool wird nicht mehr gef***t. Eisen und Feuer sind die Strafen der Nazis.“ Verurteilt wurden schließlich Wolfgang Abel und Marco Furlan.
Die Gruppe, die sich selbst als „Krieger des Lichts“ bezeichnete, richtete ihre Gewalt gezielt gegen Menschen, die sie als Bedrohung für die sogenannte Volksgemeinschaft betrachtete. Zwischen 1977 und 1984 tötete sie mindestens 15 Menschen, überwiegend in Norditalien.
Der Anschlag auf das Liverpool war ihr erster außerhalb Italiens. Coppola verortet die Gruppe im Kontext der damaligen neofaschistischen Bewegung, ähnlich wie schon beim Oktoberfest-Attentat vier Jahre zuvor habe die Gesellschaft den rechtsextremen Hintergrund nicht wahrhaben wollen.
Coppola ist zudem überzeugt, dass die Gruppe größer war als bislang angenommen. „Es waren mindestens zehn Personen involviert“, sagte sie der „Abendzeitung“. Für eine strafrechtliche Aufarbeitung ist es wohl zu spät, belastbare Beweise gegen mutmaßliche weitere Beteiligte fehlen, und von den infrage kommenden Personen sind manche inzwischen tot, andere schwer krank, wieder andere nicht mehr in Deutschland greifbar.
Immerhin haben Coppolas Recherchen die italienischen Behörden dazu bewogen, den Fall neu aufzurollen. „Wenn sich die Leute heute daran erinnern, dann auf die falsche Weise“ – das sei Antrieb genug gewesen, sagt die Journalistin.
Ihre Erkenntnisse, veröffentlicht im Buch „Il fuoco nero“ (Einaudi Verlag, bislang nur auf Italienisch), stellt Coppola am Montag in München vor, gemeinsam mit Lina Dahm, die untersucht, wie unterschiedlich Erinnerung an rechtsextreme Gewalt im öffentlichen Raum sichtbar wird oder unsichtbar bleibt. Die Veranstaltung findet in der Juristischen Bibliothek im Rathaus (Marienplatz 8, 18 bis 20 Uhr) statt. In München erinnert seit dem vergangenen Jahr eine Stele an Corinna Tartarotti.











