Krieg im Iran, Inflation, steigende Ölpreise: Die Anleihemärkte reagieren mit höheren Renditen. Doch Aktien ignorieren die Risiken. Sind sie zu teuer angesichts der Realität?
Allmählich endet sie, die längste Rally des S&P 500 in den USA seit 1985 – der wichtigste amerikanische Aktienindex wurde getrieben von KI-Unternehmen. Doch der Euphorie aus den USA stehen Zins- und Inflationssorgen gegenüber. Entsprechende Reaktionen lassen sich an den Anleihemärkten in den USA, Großbritannien, aber auch Deutschland und Europa ablesen: Die Renditen steigen. Doch die Aktienmärkte ignorieren das – im Gier-Modus werden Risiken gern ignoriert. Zumindest zeitweise.

Zur Person
Antje Erhard arbeitet seit rund 20 Jahren als Journalistin und TV-Moderatorin. Ihr Weg führte sie von der Nachrichtenagentur dpa-AFX u. a. zum ZDF. Derzeit arbeitet sie für die ARD-Finanzredaktion in Frankfurt und berichtet täglich, was in der Welt der Börse und Wirtschaft passiert.
Drei Mega-Börsengänge auf einmal – wann hat es das zuletzt gegeben? Und alle mit Billionen-Bewertungen. Beispiel Anthropic: Der Entwickler des Chatbots Claude wird vor einem möglichen Börsengang mit einer Billion US-Dollar bewertet. Im Februar lag die Bewertung noch bei – ebenfalls sportlichen – 400 Milliarden US-Dollar.
Ein Unternehmen so viel wert wie der Dax
Nicht das einzige Unternehmen, das in der aktuellen Boomphase derart teuer eingestuft wird. Auch für den Konkurrenten OpenAI, Erfinder von ChatGPT, gilt das. Doch über allem steht SpaceX, das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk. Es soll, wenn es an die Börse geht, bis zu 1,75 Billionen US-Dollar wert sein. Das ist ungefähr so viel wie hierzulande der gesamte Dax. Und mehr als Musks Elektro-Autohersteller Tesla derzeit wert ist. Es sind absurd hohe Zahlen.
Die Unternehmen nutzen das neue Momentum aus Chip-Nachfrage, Rechenzentren-Boom und KI-Träumen, all das treibt die Aktienmärkte.
Angeheizte Stimmung
Es ist eine Stimmung aus Optimismus, Euphorie und Angst, etwas zu verpassen, gemischt mit der für solche Phasen typischen Gier, so viel wie möglich von der außerordentlichen Gelegenheit mitzunehmen.
Auf der anderen Seite zeigen sich auch im Mutterland des KI-Booms, den USA, ökonomische Risse, die aktuell nicht adäquat eingestuft werden: Die Inflation marschiert stramm Richtung vier Prozent. Die Verbraucher ächzen, denn Unternehmen geben steigende Preise an sie weiter. Im Euroraum liegt die Inflation auch deutlich über drei Prozent.
Die Inflation ist ein Risiko
Das schreckt Investoren: Gut drei Monate nach Beginn des Iran-Krieges ist klar: Die Inflation ist kein vorübergehendes Phänomen mehr, das man ignorieren kann. Vielmehr ist sie dies- wie jenseits des Atlantiks enorm hartnäckig.
Die gesperrte Straße von Hormus und unterbrochene Lieferketten sind weiter ein globales Problem. Am Anleihenmarkt ist das längst angekommen. Dort haben die Risiken neue Preisschilder: höhere nämlich.
Die EZB wird die Zinsen wohl erhöhen
Damit dürften die Notenbanken auf Zinserhöhungen umschwenken. Zuerst die EZB voraussichtlich am kommenden Donnerstag. Doch was bringen Zinserhöhungen? Sie dämpfen die Nachfrage, machen Kredite teurer. Der Haken: Die Nachfrage ist gar nicht das Problem, sondern – siehe Öl oder andere Rohstoffe – das Angebot. Und das lässt sich über Zinsen kaum regulieren. Auch Notenbanken können daran nichts ändern. Deshalb warten sie in solchen Fällen erst einmal ab. Und das löst das Inflationsproblem eben nicht.












