Ein geheimnisvoller Stuhl mit Öffnung in der Sitzfläche, angeblich genutzt zur Geschlechtsprüfung neuer Päpste – klingt wie ein Drehbuch für einen Dan-Brown-Roman. Doch was ist dran an der Legende vom Kotstuhl?
Ein Sitzmöbel mit Loch, eine angebliche Hodenprüfung und ein Demutsritual, das an die Vergänglichkeit erinnert – die mittelalterlichen Papstwahlen hatten einige skurrile Elemente. Doch was ist Mythos, was Wahrheit?
Bei der Inthronisierung eines neuen Pontifex spielten tatsächlich mehrere Sessel eine Rolle – darunter ein besonders kurioses Modell: ein Marmorstuhl mit einer Öffnung in der Sitzfläche
Der Auserwählte soll sich auf den „Sedes Stercoraria“ – den sogenannten Kotstuhl – setzen. Der jüngste anwesende Kardinal greift daraufhin entschlossen unter die Soutane und überprüft, ob der neue Pontifex auch tatsächlich männlich ist. Ist alles wie erwartet, folgt der Ruf: „Habet testes!“ Darauf soll die versammelte Kurie mit „Deo gratias!“ („Gott sei Dank!“) antworten.
Klingt absurd? Ist es auch – zumindest laut Historikern. Die Hodenprüfung sei eine reine Erfindung, sagt etwa Volker Reinhardt von der Universität Fribourg. Doch warum hält sich der Mythos so hartnäckig?
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Die Geschichte ist eine volkstümliche Erfindung und eng mit der Legende um die berühmte Päpstin Johanna verknüpft – eine Frau, die sich angeblich ins Papstamt geschlichen haben soll. Ursprünglich war diese Erzählung als Loblied auf das Papsttum gedacht. Doch sie verselbstständigte sich schnell. Die Dominikaner, die sie in Umlauf brachten, mussten später erkennen, dass sie damit unbeabsichtigt am Thron der Päpste sägten.
Die Geschichte von der Päpstin Johanna ist längst Popkultur. Romane, Kinofilme und Historienbücher haben sie zum festen Bestandteil der Kirchenmythen gemacht. Und mit ihr auch die Mär vom geheimnisvollen Stuhl, auf dem jeder neugewählte Papst Platz nehmen müsse.
Laut der Legende soll im 9. Jahrhundert eine Frau unbemerkt auf den Heiligen Stuhl gelangt sein. Erst als sie – ausgerechnet während einer Prozession – ein Kind zur Welt brachte, wurde ihr Geheimnis gelüftet. Die Empörung war gewaltig, und so soll man später das „Hodenritual“ eingeführt haben, um sicherzugehen, dass so etwas nie wieder geschieht.
Doch die Geschichtsschreibung ist sich einig: Die Päpstin hat es nie gegeben. Die ersten Berichte über Johanna stammen erst aus dem 13. Jahrhundert – ganze 400 Jahre nach ihrem angeblichen Pontifikat. Wahrscheinlicher ist, dass die Legende im Chaos des 10. Jahrhunderts entstand, als Frauen wie Marozia und Theodora enormen Einfluss auf das Papsttum hatten. Oder dass Papst Johannes VIII., der als zu nachgiebig galt, durch seine Gegner als „weiblich“ diffamiert wurde.
Und der berühmte Stuhl? Der besagte Kotstuhl („sedes stercorata“) war tatsächlich Teil der Papst-Inthronisation – allerdings aus einem anderen Grund. Er diente nicht der Prüfung der Männlichkeit, sondern der Demütigung des neuen Papstes. Die Zeremonie sollte ihn daran erinnern, dass er trotz seiner königlichen Würde ein sterblicher Mensch war, der eines Tages zu Staub und Asche – oder eben Kot – zerfallen würde. Ein krasser Kontrast zu den sonst prunkvollen Riten der Papstkrönung.
Hinter diesem Ritual steckte eine politische Absicht. Ab dem 12. Jahrhundert wuchs die Macht der Päpste ins Unermessliche, besonders unter Gregor VII., der sogar Kaiser entmachtete. Die Kardinäle begannen sich zu fürchten: Sollte der Papst unkontrollierbar werden? Also wurden Rituale eingeführt, um ihn zur Demut zu zwingen. Der Kotstuhl war eine symbolische Erniedrigung, um dem neuen Pontifex seine Grenzen aufzuzeigen.