Nick Cave ist Poet, Rockstar – und zieht sein Publikum in den Bann. In der Berliner Waldbühne zeigt er, dass er einer der besten Live-Künstler der Welt ist.
Konzerte von Nick Cave sind nicht nur ein besonderes Live-Erlebnis, sondern auch ein merkwürdiges Paradox: Obwohl seine Songs von Verlust, Trauer und existenzieller Schwere durchzogen sind, hinterlässt eine Show des Weltstars Euphorie. Der Australier zieht das Publikum in den Abgrund – und führt es mit einer überraschenden Leichtigkeit wieder heraus.
So auch am Dienstagabend in der Berliner Waldbühne: In der Freilichtbühne mit der wohl steilsten Tribüne Deutschlands besingt Cave die Dunkelheit nicht nur, sondern durchschreitet sie. Mit seelischem Schmerz kennt sich der Australier aus, schließlich hat er bereits zwei seiner Söhne verloren.
Diesen Schwermut teilt er mit seinen Fans: Fast durchgängig geht er zur ersten Reihe, reicht den Zuschauern seine Hände und singt mit ihnen. Eine Distanz zwischen Rockstar und seinen Anhängern existiert nicht. Cave ist nahbar und erschafft zusammen mit den Fans ein Ritual, das in einer gemeinsamen Katharsis endet.
Nick Cave in Berlin: Waldbühne fast ausverkauft
Dieses kollektive Glück brachte er schon im Jahr 2022 auf die Waldbühne und 2024 in die Uber Arena. In die deutsche Hauptstadt kommt Cave besonders gerne. Und wenn der Meister ruft, folgen seine Jünger in Scharen: Das Konzert ist nahezu ausverkauft, circa 20.000 Menschen sind dabei.
Den ersten Song des Abends, den Gospel-Rock-Opener „Get Ready For Love“, dürften viele Fans aber verpassen. Nick Cave And The Bad Seeds starten überpünktlich um 19.25 Uhr. Hunderte Fans sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht an ihren Sitzen.
Im Verlauf des Abends erleben sie dann aber eine Reise durch Caves umfangreiche Diskografie aus eruptivem Rock, düsterem Gospel und melodischen Bluessongs. Musikalisch sind die Songs perfekt abgestimmt. Das liegt auch daran, dass Cave mit The Bad Seeds seit langer Zeit eine grandiose sechsköpfige Band samt vier Gospelsängerinnen und -sängern hinter sich hat.

Beispielhaft zu nennen ist hier Warren Ellis, der Mann mit den grau-melierten Zottelhaaren und dem langen Bart. Er unterstützt Cave nicht nur mit der Violine, am Keyboard und an der Gitarre, sondern auch mit seiner engelsgleichen Stimme. Etwa, als er den Hintergrundgesang bei der schwebenden Ballade „Bright Horses“ vom Album „Ghosteen“ (2019) liefert. Viele Fans in der Waldbühne haben bei diesem Song Tränen in den Augen.
Auch die Gospelsängerinnen und -Sänger überzeugen. Hervorzuheben ist hier Janet Rasmus, die mit Cave zusammen das Folk-Duett „Henry Lee“ singt und mit ihrer kraftvollen Stimme die Berliner verstummen lässt – ehe großer Jubel ausbricht. Cave bindet nicht nur seine Fans, sondern auch seine Band voll in den Gig ein.











