65 Jahre Anwerbeabkommen

Abenteuer Almanya – Als die ersten Türken kamen

Aktualisiert am 30.10.2026 – 04:30 UhrLesedauer: 5 Min.

Bengü Kocatürk-Schuster vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) zeigt eine Trinkflasche, die von Türken einst auf ihre erste Reise nach Deutschland mitgenommen wurde. (Quelle: Christian Knieps/dpa/dpa-bilder)

Es ist ein Vertrag, der Deutschland verändert hat wie kaum ein anderer: Vor 65 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen geschlossen. Was daraus entstehen würde, ahnte anfangs keiner.

„Unsre Eltern kam’n mit zwei Taschen damals aus Türkei“, singt der Berliner Rapper Pashanim in seinem Erfolgssong „Sommergewitter“. Einige solcher Gegenstände, die Zuwanderer damals mitnahmen, lagern heute im Bezirksrathaus des Kölner Stadtteils Ehrenfeld. Bengü Kocatürk-Schuster vom Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) zeigt eine blaue Trinkflasche, die einst auf die große Reise nach Deutschland mitging und danach für immer aufbewahrt wurde. Das filigran verzierte Gefäß wirkt nicht wie ein Gebrauchsgegenstand, sondern eher wie ein Requisit aus 1001 Nacht.

Zu den besonders unscheinbaren Objekten gehört eine Kassettenbox. Darin bewahrte ein türkisches Ehepaar einst sogenannte Hörbriefe auf, die ihre zunächst in der Türkei bei Verwandten zurückgebliebene Tochter für sie eingesprochen hatte. „Es war ein sehr beliebtes Kommunikationsmittel“, erläutert Kocatürk-Schuster. „Man hat es wie einen Brief besprochen, aber man konnte darauf auch singen, Gedichte aufsagen oder Grüße verschicken.“ Manchmal dauerte es Monate, bis ein sehnsüchtig erwarteter Hörbrief endlich ankam.

Am Freitag (30. Oktober) jährt sich der Abschluss des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens zum 65. Mal – am 30. Oktober 1961, noch zu Zeiten von Bundeskanzler Konrad Adenauer, wurde es unterzeichnet. Es ist ein Vertrag, der Deutschland verändert hat wie kaum ein anderer. Vorher waren schon ähnliche Abkommen mit Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Jugoslawien geschlossen worden – doch das reichte immer noch nicht.

Deutschland sah die Türken als Gäste, nicht als Zuwanderer

Die junge Bundesrepublik kämpfte mit einem Mangel an Arbeitskräften, weil Anfang der 60er Jahre die geburtenschwachen Jahrgänge aus dem Zweiten Weltkrieg zum Tragen kamen. Auch der Aufbau der Bundeswehr entzog dem Arbeitsmarkt junge Männer. Die angeworbenen Arbeitskräfte wurden von der Bundesregierung nicht als Zuwanderer gesehen, sondern als Gastarbeiter.

Auf türkischer Seite war das nicht anders. Die dortige Regierung erhoffte sich, dass die Gastarbeiter dem Land Devisen bringen und in Deutschland zu Facharbeitern ausgebildet werden würden. Anschließend sollten sie sich in ihrer Heimat nützlich machen. „Studien haben aber gezeigt, dass 20 bis 50 Prozent der nach Deutschland kommenden Türken auch schon eine Qualifikation hatten“, erläutert Haci-Halil Uslucan, Professor für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen. „Es sind also nicht nur einfache Bauern und Ungebildete gekommen, sondern zum Beispiel auch Lehrer, die aber natürlich nicht als Lehrer gearbeitet haben.“

Stacheldraht statt Musik

Die Fahrt in Sonderzügen aus Istanbul dauerte anfangs 50 bis 55 Stunden. Viele der Reisenden malten sich aus, dass sie in einem schönen Saal mit Musik empfangen werden würden – Deutschland war ja das Land der klassischen Musik. Sie starteten durchaus mit großen Erwartungen ins Abenteuer Almanya.

Das Erste, was die Neuankömmlinge tatsächlich zu sehen bekamen, war vielfach ein Keller – der ehemalige Luftschutzbunker unter Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof. Dort hatte die Bundesanstalt für Arbeit eine „Weiterleitungsstelle“ eingerichtet.

Für die Unterbringung der ausländischen Arbeitskräfte waren die jeweiligen Unternehmen zuständig. Sie nutzten dafür Baracken, Fabrikhallen oder Bunker, die teils mit Stacheldraht umzäunt waren.

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