
Wie passt die Forderung nach mehr Arbeit mit steigender Arbeitslosigkeit und leeren Auftragsbüchern zusammen?
So richtig passt es nicht zusammen. Natürlich gibt es Sektoren im Pflege- und Gesundheitsbereich, die trotz der Krise unter Fachkräftemangel leiden. Diesem Problem wird man nicht mit einer pauschalen Erhöhung der Arbeitszeit oder einer Abschaffung der Teilzeit beikommen.
Was würde denn helfen?
Zwei Dinge sind zur Bekämpfung des Fachkräftemangels wichtig. Zum einen attraktive Arbeitsbedingungen in den Betrieben und zum anderen die Integration von Menschen, die bereits hier sind, aber bisher nicht im Arbeitsmarkt. Da geht es insbesondere um Zugewanderte und Geflüchtete sowie eine bessere internationale Fachkräfteanwerbung. Und gerade Letzteres gelingt nur, wenn die Arbeitsbedingungen in Deutschland möglichst gut und flexibel gestaltet werden können.
Ein weiterer viel diskutierter Punkt ist der Vorschlag, den Achtstundentag zugunsten einer reinen Wochenarbeitszeit aufzuweichen. Was halten Sie davon?
Die Erkenntnisse aus der arbeitsmedizinischen Forschung und aus der Arbeitswissenschaft legen nahe, dass das keine gute Idee ist. So zeigen Daten, dass die Unfallhäufigkeit nach der achten Arbeitsstunde massiv ansteigt. Ebenso steigt die Erschöpfung und der Regenerationsbedarf. Die Vorstellung geht fehl, man könne bei Menschen Arbeitskraft wie aus dem Wasserhahn abzapfen. Zudem ist Flexibilisierung ja bereits heute möglich: Bis zu zehn Stunden Arbeit pro Tag sind mit Ausgleich erlaubt. Trotzdem halten die meisten Betriebe am Achtstundentag fest – offenbar aus guten Gründen. Tatsächlich gibt es sogar Studien, die zeigen, dass die Stundenproduktivität höher ist bei Arbeitnehmern, die in Teilzeit arbeiten. Sie schaffen in ihrer Arbeitszeit oft mehr als ein Vollzeitbeschäftigter in der gleichen Zeit.
Daneben gibt es ja noch die Krankheitsdebatte …
Leider wird gerade in dieser Diskussion sehr viel mit Halbwahrheiten gearbeitet!
Wie meinen Sie das?
Beispielsweise wird behauptet, dass der Krankenstand in Deutschland massiv angestiegen sei. Und ja, es stimmt. Wir haben in Deutschland einen Anstieg der Krankheitstage. Früher lag er lange stabil bei um die zehn bis zwölf Prozent, heute liegt er bei um die 15 Prozent. Was diese Diskussion aber ausklammert, ist, dass wir 2022 die elektronische Krankmeldung eingeführt haben und Krankmeldungen nun nahezu vollständig erfasst werden – anders als zuvor und anders als in den meisten anderen Ländern. Und trotzdem ist Deutschland, was die Krankheitstage angeht, nicht Spitzenreiter in Europa, sondern liegt nur auf Platz sieben. Das zum einen.











