
Analysten im Blindflug
Warum ihre Kursziele für Anleger oft wertlos sind
Aktualisiert am 30.01.2026 – 11:20 UhrLesedauer: 6 Min.

Aktienanalysten liefern oft wenig verlässliche Prognosen für die Zukunft. Wie Anleger besser investieren und worauf es an der Börse wirklich ankommt.
Als Anlegerin oder Anleger verfolgen Sie möglicherweise die Ratings von Analysten zu bestimmten Aktien. So schreibt beispielsweise Mark Delaney, Analyst bei Goldman Sachs, über ein bei Anlegern beliebtes US-Unternehmen und setzt das Kursziel auf 320 Dollar. Ein Kollege von ihm, Edison Yu von der Deutschen Bank, sieht das ähnlich, stuft das Kursziel allerdings viel höher ein – auf 375 Dollar. Ein dritter Analyst, Ryan Brinkman von JPMorgan, ist überzeugt, dass das Unternehmen zu viele Probleme habe, und passt deswegen das Kursziel nach unten an. Er setzt die Zielmarke auf 115 Dollar.
Drei Kursziele, drei Empfehlungen. Die Spanne reicht von 226 Prozent vom niedrigsten bis zum höchsten Kursziel. Die dahinterstehende Aktie heißt Tesla. Was können Anleger mit solchen Informationen anfangen? Ist es richtig, dem professionellen Rat gut bezahlter Berufsanalytiker zu vertrauen?
Sich darauf zu verlassen, dass die ausgerufenen Kursziele oder überhaupt eines davon erreicht werden, ist wie ein Glücksspiel, bei dem Anleger im besten Fall nur mit einem Auge hinsehen sollten. Bei einer Diskrepanz, die in den Depots von Privatanlegern zu hohen Gewinnen, aber auch zu hohen Verlusten führen könnten, scheint es, dass Analysten im gleichen trüben Wasser fischen wie Privatanleger.
Tobias Krieg, Investmentcoach und Chefanalyst bei Lynx Broker, findet, dass man sich als Anleger Ratings komplett sparen könne. „Der Informationswert davon ist null. Er ist sogar unter null.“ Wer sich einmal die Mühe gemacht und sich Ratings im Zeitverlauf angeschaut habe, erkenne ein typisches Muster. „Sie können davon ausgehen, dass die Ratings, während es mit den Kursen abwärtsgeht, immer weiter gesenkt werden“, erklärt Krieg. „Und nachdem die Kurse gestiegen sind, sind die Ratings immer weiter angehoben worden. Nachdem der Kurs erneut gefallen war, hat man die Ratings entsprechend wieder gesenkt. Und so weiter. Und so ist es bei jeder Aktie. Ratings sind ein nachlaufender Indikator und kein vorlaufender.“
- Aktienbewertung: Auf diese Zahlen kommt es an
Und nicht nur das. Auch die Einschätzungen der Analysten gehen Krieg zufolge weit auseinander. Ebenso sei die Geschwindigkeit, mit der sich die Ratings ändern, teilweise komplett irrsinnig und ändere nichts an den intrinsischen Eigenschaften eines Unternehmens, also an den Fundamentaldaten, auf denen die eigentliche Unternehmensbewertung basieren sollte.
Martin Lück, Gründer der Research- und Beratungsfirma Macro Monkey, sagt, dass es für Anleger gefährlich sei, sich von den Kurszielen von Aktienanalysten leiten zu lassen. Aktienanalysten sähen vor allem die nächsten Quartalszahlen der Unternehmen, und die seien jetzt noch ganz gut, so Lück im Interview mit dem „Spiegel“-Magazin.
„Hinzu kommt, dass die Analysten eng mit den Unternehmen kooperieren, deren Aktien sie bewerten. Die Unternehmen zahlen für Research und nehmen Analysten auf Roadshows mit, auf denen sie bei Investoren für ihre Aktien werben“, so Lück. Seien Analysten zu kritisch, dürften sie nicht mehr mit, und ihre Auftraggeber, zumeist Banken, verlieren Aufträge, Umsatz und Gewinn. Daher seien Aktienanalysten meist viel zu positiv und erkennen ökonomische Probleme oft zu spät.








