Vor- und Nachteile
Was bringt Tempo 30 in Ortschaften wirklich?
Aktualisiert am 26.02.2025 – 13:15 UhrLesedauer: 4 Min.
Eine flächendeckende Einführung von Tempo 30 in Ortschaften ist umstritten. Was dafür spricht – und was dagegen.
Tempo runter – Sicherheit rauf? Mit neun Prozent waren Fußgänger im Jahr 2023 nach Autofahrern die zweitgrößte Gruppe der Unfallbeteiligten. Die Zahl der verunglückten Fußgänger lag bei 33.504, die Zahl der Getöteten lag mit 449 sogar über dem Vor-Corona-Niveau (2019: 429). Unter 15-Jährige sowie Menschen über 75 Jahre waren dabei am häufigsten in Unfälle verwickelt.
Die Gewerkschaft der Polizei fordert daher neben höheren Bußgeldern eine Regelgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde innerorts. Wo Fußwege ausreichend abgesichert seien, könne auch mit 50 km/h oder schneller gefahren werden. Mit einer Änderung der Straßenverkehrsordnung wurde es Kommunen 2024 bereits erleichtert, 30er-Zonen einzuführen.
Doch in der Diskussion um flächendeckende Tempo-30-Zonen in Städten verwies Bundesverkehrsminister Volker Wissing (Ex-FDP) im Interview mit t-online auf vorhandene Regelungen. „Ich habe kein Problem damit, dass überall dort, wo es einen Grund gibt, Tempo 30 eingeführt werden kann. Aber in Deutschland gilt grundsätzlich eine Regelgeschwindigkeit von 50 km/h innerorts. Das ist unter anderem wichtig für den Durchgangsverkehr, der sich sonst seinen Weg durch Wohngebiete suchen würde. Und wenn eine Gemeinde von dieser Geschwindigkeitsregelung abweichen will, dann bedarf das Ganze einer Begründung“.
Diese Argumente sprechen für Tempo 30:
Ein Tempolimit von 30 km/h kann die Anzahl und Schwere von Verkehrsunfällen erheblich reduzieren: Niedrigere Geschwindigkeiten geben den Fahrern mehr Zeit, die Umgebung im Blick zu behalten, insbesondere in unübersichtlichen Bereichen wie Kreuzungen oder auf Schulwegen. Bei Tempo 30 beträgt der Bremsweg nur etwa 14 Meter, bei Tempo 50 dagegen 28 Meter. Dadurch können Fahrer schneller auf plötzliche Gefahren wie querende Fußgänger oder Radfahrer reagieren.
Falls es doch zu einem Unfall kommt, sinkt die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass Fußgänger oder Radfahrer tödlich verletzt werden: Während die Überlebenswahrscheinlichkeit eines ungeschützten Verkehrsteilnehmers laut dem österreichischen Verkehrsclub VCÖ bei einem Aufprall mit 50 km/h nur etwa 20 Prozent beträgt, steigt sie bei Tempo 30 auf ca. 90 Prozent.
Tempo 30 kann den Verkehrslärm verringern, da der Motor weniger hochdreht und der Rollwiderstand der Reifen bei niedrigerer Geschwindigkeit geringer ist. Der Lärmpegel sinkt durch die Verringerung der Geschwindigkeit von Tempo 50 auf Tempo 30 durchschnittlich um ca. 3 dB(A). Das ist ungefähr die Halbierung der wahrgenommenen Lautstärke – und das kann zu weniger Stress und Schlafstörungen bei Anwohnern führen.
Niedrigere Geschwindigkeiten führen zu einer gleichmäßigeren Fahrweise, was den Schadstoffausstoß verringert. Untersuchungen zeigen zudem, dass durch weniger abruptes Bremsen und Beschleunigen der Ausstoß von CO2, Stickoxiden und Feinstaub reduziert wird.
Einige Studien zeigen aber auch, dass die Umweltbilanz bei Tempo 30 nicht eindeutig positiv ist, da der Energieverbrauch in bestimmten Fahrzeugen bei niedrigen Geschwindigkeiten höher sein kann: So hieß es 2012 von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg, dass die motorbedingten Belastungen durch Feinstaub (PM 10) bei Tempo 30 stiegen. Die Belastung durch Feinstaub, der durch Abrieb (Reifen, Bremsen, Straßen) und Verwirbelung entsteht, sank aber.
Ein flächendeckendes Tempolimit schafft nicht nur mehr Sicherheit: Weniger Lärm und eine entspanntere Verkehrssituation können den öffentlichen Raum attraktiver machen und auch weitere Fußgänger und Fahrradfahrer ermutigen, am Straßenverkehr teilzunehmen. So könnten, wie es sich einige Verkehrsexperten erhoffen, mehr Menschen vom Auto auf andere Verkehrsmittel umsteigen.