Dieter Nuhr scherzt in seiner Show über Femizide. Dabei fehlt ihm nicht nur der Humor, sondern noch etwas viel Wichtigeres.

Mode, Politik, Kunst, Wetter: Es gibt so vieles, worüber man sich lustig machen kann. Dieter Nuhr entschied sich jüngst jedoch für ein ganz besonderes Thema, über das er bei seiner ARD-Show sprach und mit dem er das Publikum amüsieren wollte: Frauen, die von Männern getötet werden. Er erklärte, dass es jährlich 300 bis 350 Frauenmorde gebe und dass das eindeutig zu viele seien.

„Aber“, so leitete Nuhr seine Pointe ein. Doch jeder Mensch mit einem halbwegs funktionierenden Empathievermögen und einer ungefähren Vorstellung von Moral weiß: In diesem Kontext gibt es kein „Aber“ – basta!

  • Comedian und ARD-Anstalt äußern sich: Dieter Nuhr und ein Witz über ermordete Frauen

Nur Nuhr, der weiß es eben nicht, und so folgt ein, ja wie soll man es nennen? Ein Witz? Ein neckischer Gedanke? Nein, es folgt eine Unverschämtheit, eine Erbärmlichkeit. „Es gibt in Deutschland zig Millionen Männer: Die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null“, so Nuhr. Und weiter: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einmal kennenlernt.“

Das ist alles, Nuhr eben nicht lustig!

Frauen sterben durch Männer, meist durch Ex-Partner oder Familienangehörige. Haha, die sind doch selbst schuld. Das erinnert an die Frage nach der Kleidung im Kontext einer Vergewaltigung. Frei nach dem Motto, Frauen seien schließlich selbst schuld am Übergriff, wenn sie sich bei 41 Grad im Schatten einen kurzen Rock anziehen. Und erst recht bei 14 Grad. Aber: Opfer von Gewalt tragen niemals eine Schuld und Opfer von Gewalt sind niemals ein Grund zum Lachen.

Wenn man schon am Witze-Schreibtisch sitzt und sich denkt, Femizide seien ein geeignetes Thema zur allgemeinen Erheiterung und Satire dürfe schließlich alles, dann sollte man aber doch bitte, bitte, bitte den Ball auch ins richtige Tor schießen. So müssten die Männer als Tätergruppe das humoristische Ziel sein und/oder mindestens die Strukturen, die es auch im Jahr 2026 noch ermöglichen, dass es Frauen gibt, die in heterosexuellen Partnerschaften um ihr Leben fürchten.

Mehr häusliche Gewalt während großer Turniere

Und wenn wir schon beim Fußball sind: Nuhrs Femizid-Passage kommt zu jeder Zeit ungünstig, klar. Doch gerade während der Fußballweltmeisterschaft könnte sie nicht unpassender sein. Untersuchungen der Lancaster University in England zeigen, dass es während sportlicher Großereignisse einen statistischen Anstieg der Opferzahlen von häuslicher Gewalt gibt. Die gemeldeten Fälle partnerschaftlicher Gewalt nehmen bei Niederlagen des Nationalteams um bis zu 38 Prozent und bei Siegen oder Unentschieden um 26 Prozent zu. Der Fußball selbst ist dabei nicht die Ursache. Das Turnier verstärkt aber die Gewaltbereitschaft durch übermäßigen Alkoholkonsum, Gruppendruck und traditionelle Männlichkeitsbilder.

Share.
Die mobile Version verlassen