Kampf gegen Infektionen
Wem eine Phagentherapie helfen kann
Aktualisiert am 21.09.2026 – 14:42 UhrLesedauer: 3 Min.
Phagentherapie gilt als Hoffnung bei Infektionen, gegen die Antibiotika nicht wirken. Jetzt gibt es dazu erstmals eine medizinische Handlungsempfehlung.
Unzählige Menschen in Deutschland leiden unter hartnäckigen bakteriellen Infektionen – von Harnwegs- oder Wundinfektionen bis hin zur schweren Sepsis (auch „Blutvergiftung“ genannt). Wenn Antibiotika in solchen Fällen nicht oder nicht mehr wirken, kann das gerade im höheren Alter oder bei einem geschwächten Immunsystem zum Tod führen. Wegen des zunehmenden Problems mit Antibiotikaresistenzen bekommt die Phagentherapie seit einigen Jahren verstärkt Beachtung. Welche Hoffnungen sind mit ihr verbunden und wo liegen Einschränkungen?
Deutsche Fachleute haben jetzt erstmals eine Leitlinie mit 60 Empfehlungen präsentiert. Sie richtet sich an Ärztinnen und Ärzte, die an der Behandlung bakterieller Infektionen bei Erwachsenen und Kindern beteiligt sind. Federführend bei der Erarbeitung war die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie, Unterstützung gab es auch von internationalen Fachgesellschaften.
Die Phagentherapie wird in der Leitlinie als Möglichkeit beschrieben, wenn klassische Therapien nicht oder nicht mehr greifen. Hauptautorin Silvia Würstle vom Universitätsklinikum Frankfurt betonte: „Phagen sind keine Wunderwaffen.“ Ihr zufolge existieren bisher nur sehr wenige Studien, die eine Wirksamkeit von Phagen untersuchen und belegen. In einer Untersuchung von 100 aufeinanderfolgenden Fällen aus Belgien sei es „zu ungefähr 70 Prozent zu einer klinischen Verbesserung“ gekommen, sagte Würstle. „Aber manchmal wirkt es eben nicht.“
Warnung vor gefährlichen Produkten aus dem Internet
Phagen – genauer gesagt Bakteriophagen – sind Viren, die gezielt bestimmte Bakterien infizieren, sich in ihnen vermehren und sie dann töten können. Dabei greifen sie weder menschliche Zellen an, noch schädigen sie – anders als Antibiotika – gesunde Mikroorganismen im Körper.
Der Mensch trägt Billionen von Phagen in sich – mehr als Bakterien. Bekannt ist ihr Vorhandensein im menschlichen Körper bereits seit mehr als 100 Jahren, jedoch gerieten die natürlichen Gegenspieler der Bakterien wegen der Nutzung von Antibiotika mit ihrer viel breiteren Wirksamkeit für lange Zeit in den Hintergrund. In Osteuropa hat diese Therapieform hingegen eine längere Tradition.
Würstle warnte davor, „gefährliche Phagenprodukte“ im Internet zu bestellen. Derzeit sei zudem ein kostspieliger Medizintourismus zu beobachten. „Man versteht jede Patientin und jeden Patienten, der verzweifelt ist und nach dem letzten Strohhalm greift“, sagte die Forscherin. Allerdings könnten einige der angebotenen Produkte nach aktuellem Kenntnisstand gar nicht wirken.
Anders als bei breit wirkenden Antibiotika muss die Behandlung individuell auf den jeweiligen Patienten und den jeweiligen Erreger abgestimmt werden, wie aus der Leitlinie hervorgeht. „Wenn es mehrere Bakterien in der Infektion gibt, sollten auch alle relevanten Bakterien getestet werden“, sagte Würstle.
Fieber und Entzündungsreaktionen als Nebenwirkungen
Den Empfehlungen zufolge sollten interdisziplinäre Teams – also neben ärztlichen Fachleuten auch solche aus den Bereichen Mikrobiologie und Pharmazie – darüber entscheiden, ob eine individuelle Phagentherapie sinnvoll ist. Praktikabler als eine industrielle Herstellung nach dem Arzneimittelstandard sei die individuelle Herstellung für eine bestimmte Person in einer Apotheke nach definierten Qualitätskontrollen und Standards. Zudem muss die Therapie laut der Leitlinie engmaschig begleitet werden, sowohl ärztlich als auch im Labor.
Denn eine Phagentherapie kann Nebenwirkungen verursachen. Der Grund: Wenn viele Bakterien schnell zerfallen, können bakterielle Bestandteile freigesetzt werden, was unter anderem Fieber und Entzündungsreaktionen auslösen kann.
