Siesta statt Hitzestress?

Experten fordern neue Arbeitszeiten für heiße Tage

Aktualisiert am 18.06.2026 – 10:47 UhrLesedauer: 3 Min.

Schwitzen am Schreibtisch: Wenn es sehr heiß wird, braucht es flexible Arbeitszeiten. (Quelle: demaerre)

Arbeiten bei 35 Grad? Experten warnen, dass Deutschland auf die neue Hitzerealität schlecht vorbereitet ist – und fordern ein Umdenken im Arbeitsalltag.

Mit zunehmenden Hitzewellen wächst in Deutschland die Belastung für Beschäftigte – ob auf Baustellen in der Mittagssonne, in stickigen Büros oder auf Lieferfahrten bei über 30 Grad. Der Klimawandel ist längst in Deutschland angekommen, mit Folgen, die Berufstätige am eigenen Leib spüren. Die Volkswirtin Katharina Utermöhl, die sich beim Versicherungskonzern Allianz mit wirtschaftspolitischer Forschung beschäftigt, sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf bei hiesigen Firmen.

Deutschland sei im internationalen Vergleich bislang nicht ausreichend auf extreme Hitze vorbereitet, sagt Utermöhl. Während südliche Länder Hitze seit Jahrzehnten in Stadtplanung, Bauweise und Arbeitsalltag berücksichtigten, befinde sich Deutschland in einer „gefährlichen Mittelzone“. Hitze sei längst ein dauerhaftes, strukturelles Muster, auf das man reagieren müsse.

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Denn: Ein eigenes Hitzegesetz für Beschäftigte gibt es in Deutschland bislang nicht. Maßgeblich ist die Arbeitsstättenverordnung. Sie sieht vor, dass Arbeitgeber ab 26 Grad Raumtemperatur Maßnahmen gegen Hitzebelastungen prüfen sollen. Ab 30 Grad sind Schutzmaßnahmen erforderlich. Bei Temperaturen von mehr als 35 Grad gilt ein Arbeitsraum grundsätzlich als ungeeignet.

Milliarden-Hitzeschäden für die Wirtschaft

Wie groß die wirtschaftlichen Folgen von Hitzewellen sein können, zeigen aktuelle Berechnungen von Allianz Trade. Der Kreditversicherer hat errechnet, dass wiederkehrende Hitzewellen die deutsche Wirtschaft bis 2030 rund 112 Milliarden Euro kosten könnten. Demnach sinkt die Produktivität pro zusätzlichem Grad Celsius über 30 Grad im Schnitt um etwa drei Prozent, während die Energiekosten unter anderem durch den höheren Kühlbedarf um rund 1,2 Prozent je Grad steigen würden.

Ein Bauarbeiter trinkt Wasser: Der Klimawandel ist längst in Deutschland angekommen – mit Folgen, die Berufstätige am eigenen Leib spüren. (Quelle: Benjamin Westhoff/dpa/dpa-bilder)

Die Politikwerkstatt „Klima wandelt Arbeit“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales kommt zu ähnlichen Ergebnissen. In dem Beteiligungsprojekt von Wissenschaft, Wirtschaft, Gewerkschaften und Praxis wird deutlich, dass klimabedingte Belastungen bereits heute spürbare gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen haben. Demnach steigen Krankschreibungen an Tagen mit über 30 Grad um rund 3,5 Prozent, bei längeren Hitzewellen um bis zu 6 Prozent, verbunden mit erheblichen Produktivitätsverlusten und gesamtwirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe.

„Siesta ist kein Mittagsschläfchen“

Als Antwort auf die Hitzewellen werden unterschiedliche Strategien diskutiert. Als Vorbild nennt Utermöhl südeuropäische Länder wie Spanien oder Griechenland, wo Arbeitszeiten in heißen Sommermonaten traditionell angepasst werden. „Früh anfangen, die Mittagshitze meiden und den Arbeitstag entsprechend strukturieren – das ist eine sehr leicht umsetzbare Produktivitätsstrategie“, sagt sie. Die Siesta sei dabei „kein Mittagsschläfchen, sie ist Risikomanagement“. Unternehmen, die Arbeitszeiten an hohe Temperaturen anpassten, schützten die Produktivität der Beschäftigten und langfristig ihren Marktwert. Für Deutschland bedeute das vor allem, Arbeitszeitmodelle flexibler zu gestalten.

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