Der Mythos vom Wissensvorsprung
Warum Finanznachrichten für Anleger keinen Vorteil haben
15.08.2026 – 15:57 UhrLesedauer: 4 Min.

Wer glaubt, eine gute Unternehmensnachricht verschaffe einen Wissensvorsprung an der Börse, ist meist schon zu spät. Warum das so ist, zeigt eine aktuelle Studie.
Viele Anlegerinnen und Anleger nutzen Unternehmensnachrichten, um den Markt zu schlagen. Meldet ein Unternehmen beispielsweise sinkende Kosten durch Stellenabbau oder höhere Gewinne durch Effizienzsteigerungen, sehen viele darin ein Kaufsignal – unabhängig davon, wie alt die Nachricht bereits ist. Die Überlegung: Höhere Unternehmensgewinne versprechen künftig auch höhere Renditen.
Genau diese Annahme stellen Forschende jedoch infrage. Laut einer aktuellen Studie überschätzen sowohl Privatanleger als auch Fondsmanager den Wert bereits bekannter Unternehmensnachrichten. Doch heißt das im Umkehrschluss, dass Finanznachrichten für Anleger wertlos sind – oder lohnt sich der Blick hinter die Schlagzeilen trotzdem?
Über 7.000 Teilnehmer: Viele machen denselben Denkfehler
Die Studie „Mental Models of the Stock Market“, die im renommierten Fachjournal „The Quarterly Journal of Economics“ veröffentlicht wurde, zeigt: Die Schlussfolgerung, dass auf gute Unternehmensnachrichten automatisch höhere Börsenkurse folgen, greift zu kurz.
An der Studie waren der Exzellenzcluster ECONtribute der Universitäten Bonn und zu Köln, die Goethe-Universität Frankfurt, das Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE sowie das Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik beteiligt. Dafür befragten die Forschenden mehr als 7.000 Menschen aus Deutschland und den USA.
Die Teilnehmer wurden mit folgendem Szenario konfrontiert: Ein Unternehmen kündigt an, seine Produktionskosten zu senken. Entscheidend dabei: Die Nachricht ist bereits vier Wochen alt, als die Befragten sie bewerten sollen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen aus denselben Informationen sehr unterschiedliche Schlüsse ziehen. So erwarteten 74 Prozent der deutschen Privatanleger sowie mehr als die Hälfte der Fondsmanager (58 Prozent) und Finanzberater (63 Prozent) auch Wochen nach einer positiven Nachricht einen höheren Aktienkurs dieses Unternehmens.
Finanzmarktforscher gingen dagegen überwiegend davon aus (67 Prozent), dass sich der Aktienkurs und damit die Renditen nicht verändern werden.
Warum gute Nachrichten oft längst im Aktienkurs stecken
Der Studie zufolge reagieren Aktienkurse in der Regel unmittelbar auf neue Informationen. Johannes Wohlfart, Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, erklärt: „Was sie [Anleger] dabei leicht übersehen, ist, dass andere Marktteilnehmer diese Information auch kennen und der Aktienkurs oft schon darauf reagiert hat.“
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Viele Anleger konzentrieren sich demnach vor allem auf die künftig besseren Gewinnaussichten eines Unternehmens, wenn es von ihm positive Nachrichten gibt. Nach den gängigen Modellen der Finanzmarktforschung ist eine vier Wochen alte Unternehmensnachricht deshalb längst im Aktienkurs enthalten. Wer erst dann kauft, bezahlt bereits den höheren Preis und kann allein aufgrund dieser bekannten Information keine höhere Rendite erwarten.
