„Bodenlose Frechheit“
Diese Branche wird ab morgen bestreikt
Aktualisiert am 03.06.2026 – 16:28 UhrLesedauer: 3 Min.

Nach dem Scheitern der ersten Verhandlungsrunde hat Verdi den Handel nun zu einem Streik aufgerufen. In mehreren Städten sollen große Kundgebungen stattfinden.
Die Gewerkschaft Verdi ruft für Donnerstag und Freitag zu bundesweiten Warnstreiks im Einzelhandel sowie im Groß- und Außenhandel auf. Das teilte Verdi in einer Mitteilung mit. Die Gewerkschaft erwartet Tausende Teilnehmende. Große Kundgebungen sollen in Kiel, Erfurt, Berlin, Bochum und Saarbrücken stattfinden.
Verdi verhandelt derzeit in verschiedenen Bundesländern über Gehaltserhöhungen für die Tarifbeschäftigten, allein im Raum Berlin-Brandenburg sind rund 220.000 Angestellte betroffen. Die erste Verhandlungsrunde hatte Verdi Anfang der Woche für gescheitert erklärt. Das vorgelegte Angebot sei „völlig unzureichend und respektlos“, teilte etwa der Verdi-Bezirksverband für Berlin-Brandenburg mit. Die Arbeitgeber hatten einer Lohnerhöhung zugestimmt, die für Verdi allerdings zu spät kommt und zu gering ausfällt. So fordert die Gewerkschaft sieben Prozent mehr Lohn, die Arbeitgeber haben zwei Prozent angeboten.
Handelsverband rechnet mit „business as usual“
Verdi-Vorständin Silke Zimmer forderte die Arbeitgeber auf, ein „verhandlungsfähiges Angebot“ vorzulegen: „Die Handelskonzerne stehen wirtschaftlich hervorragend da, haben bei Umsatz und Gewinn zugelegt – und die Beschäftigten, die diese Ergebnisse mit ihrer Arbeit erst ermöglichen, sollen mit Lohnverlusten abgespeist werden“, sagte Zimmer laut Mitteilung. „Das ist eine bodenlose Frechheit.“
Steven Haarke, Tarifgeschäftsführer des Handelsverbands (HDE), widerspricht: „Wir befinden uns in der schwersten Wirtschaftskrise seit 20 Jahren, die Konsumflaute ist aufgrund der Kriege auf der Welt und der steigenden Arbeitslosenzahlen auf einem absoluten Tiefpunkt“, teilte er t-online dazu mit. Es stünden viele Jobs auf dem Spiel, seit 2022 seien bereits 73.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. „Das Risiko für massenhafte Jobverluste ist real.“ Mit Blick auf den angekündigten Streik betonte Haarke, dass er mit „business as usual“ rechne. „Die Unternehmen sind gut vorbereitet, die internen Abläufe sind eingespielt.“ An Verdi gerichtet sagte er: „Statt auf Streikaufrufe und öffentliche Eskalation zu setzen, sollte der Fokus darauf liegen, am Verhandlungstisch Fortschritte zu erzielen“, so Haarke. „Gerade in der aktuellen wirtschaftlich herausfordernden Lage brauchen die Unternehmen und die Beschäftigten im Einzelhandel Planungssicherheit.“
Mitte Mai hatte Verdi in der laufenden Tarifrunde im Handel zu den ersten bundesweiten Warnstreiks aufgerufen. Nach Gewerkschaftsangaben nahmen mehr als 5.000 Beschäftigte an den befristeten Arbeitsniederlegungen teil. Bestreikt wurden mehr als 200 Standorte, darunter Filialen von Edeka, Kaufland, Douglas, H&M und Ikea. Im Handel arbeiten laut Verdi hierzulande rund 5,2 Millionen Menschen, davon 3,4 Millionen im Einzelhandel.
Branche von Samstags- und Abendarbeit geprägt
Wie sich die Rahmenbedingungen im Einzelhandel insgesamt darstellen, zeigt eine ausführliche Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag. Demnach arbeiten im Einzelhandel besonders viele Menschen im Niedriglohnbereich: Während insgesamt rund 15 Prozent der Vollzeitbeschäftigten nur den Mindestlohn oder etwas mehr verdienen, ist es im Einzelhandel jeder Dritte. Auch die Quote von Minijobbern ist mit 30 Prozent aller Beschäftigten sehr hoch. Jeder Zweite arbeitet zudem in Teilzeit. Der Einzelhandel ist darüber hinaus überdurchschnittlich von Schicht-, Abend- und Samstagsarbeit geprägt.
