„Kaum vorstellbare Grausamkeit“

Österreich ermittelt gegen „Sniper-Touristen“

20.05.2026 – 11:31 UhrLesedauer: 2 Min.

Menschen schieben einen Wagen mit Feuerholz durch den Schnee (Archivbild): Während der Belagerung von Sarajevo 1993. (Quelle: IMAGO/imageBROKER/Karsten Thielker/imago)

Die Belagerung von Sarajevo kostete unzählige Zivilisten das Leben. Mehrere Touristen soll der Spaß am Töten angelockt haben. Nun ermittelt die österreichische Justiz.

Österreich hat fast 30 Jahre nach dem Ende des Bosnien-Kriegs Ermittlungen gegen zwei sogenannte Wochenend-Scharfschützen aufgenommen. Wie das Justizministerium in Wien am Dienstag auf Anfrage der Grünen-Politikerin und ehemaligen Justizministerin Alma Zadić mitteilte, wird bereits seit Ende April gegen einen Österreicher und einen weiteren, unbekannten Täter ermittelt.

Als „Wochenend-Scharfschützen“ werden Kriegstouristen bezeichnet, die während des Bosnien-Kriegs den bosnisch-serbischen Streitkräften hohe Summen bezahlt haben – und dafür mehrere Tage in Sarajevo auf Zivilisten schießen durften.

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Das Phänomen hatte durch den Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ aus dem Jahr 2022 größere Bekanntheit erlangt. Die ehemalige Bürgermeisterin von Sarajevo, Benjamina Karić, hatte nach der Veröffentlichung des Films Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft in Bosnien-Herzegowina ermittelt seitdem wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen. Wie das österreichische Justizministerium erklärte, beruhen die laufenden Ermittlungen auf eigenen Recherchen.

Scharfschütze der bosnisch-serbischen Armee 1993 (Archivbild): Während der Belagerung von Sarajevo kam es zu unzähligen Menschenrechtsverletzungen. (Quelle: STR New/reuters)

Sie schossen wohl sogar auf Kinder

Die bosnische Hauptstadt Sarajevo wurde vier Jahre lang durch die bosnischen Serben belagert. Unter dem Dauerbeschuss von Heckenschützen und der serbischen Artillerie wurden in der Stadt von April 1992 bis November 1995 etwa 11.500 Männer, Frauen und Kinder getötet. Mehr als 50.000 Menschen wurden verletzt.

In dem im März erschienenen Buch „Die Wochenend-Scharfschützen“ zitiert der italienische Journalist Ezio Gavazzeni einen Franzosen, der die „Touristen“ begleitet haben will. Demnach stammen die Wochenend-Scharfschützen aus verschiedenen Nationen. Zu ihnen gehörten wohl Franzosen, Belgier, Schweizer, Österreicher und Russen. Die meisten der Touristen sollen über 50-jährige Männer gewesen sein. Laut der Reportage wurden die Reisen von einem Unternehmen aus Mailand organisiert.

Alma Zadić erklärte der Nachrichtenagentur APA: „Dass Menschen offenbar dafür bezahlt haben sollen, gezielt auf Zivilistinnen und Zivilisten, sogar auf Kinder, zu schießen, ist kaum vorstellbar in seiner Grausamkeit.“

Sie fügte hinzu: „Bei den Vorwürfen handelt es sich um schwerste Kriegsverbrechen, denen nachgegangen werden muss. Diese müssen lückenlos untersucht und verfolgt werden. Es darf keinen Platz für Straflosigkeit geben.“

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