Tuchel ging aber noch über diese relativ simple psychologische Weisheit hinaus. Er erklärte, dass sein Team in der Defensive ab dem Führungstor zu viele Fehler gemacht habe. „Wir hatten Probleme, aus der tief stehenden Abwehr aktiv zu bleiben, wir hatten Probleme, ihre Flanken zu verteidigen und ihre Außenspieler aggressiv anzulaufen.“ Dass die Engländer aber plötzlich hinten drinstanden und nicht mehr ihr Heil im Vorwärtsgang suchten, hatte eben auch mit Tuchel zu tun.

Rooney: „Spieler dachten wohl ‚Oh, nein!'“

Der 120-fache englische Nationalspieler Wayne Rooney sah den Grund für diese Passivität denn auch nicht in einer plötzlichen Überforderung der englischen Spieler, sondern in der Systemumstellung, die Tuchel vorgenommen hatte. „Die Entscheidungen, die Tuchel getroffen hat, haben uns heute Abend den Sieg gekostet“, sagte Rooney bei der BBC.

Kurz nach dem Führungstreffer hatte der Coach ausgerechnet den Flügelflitzer und Torschützen Anthony Gordon aus dem Spiel genommen – bis dahin einer der Aktivposten im Spiel der Engländer. Dafür brachte Tuchel den gelernten Innenverteidiger Ezri Konsa und ließ auf eine Fünferkette in der Abwehr umstellen. Offenbar ein fatales Signal an die Mannschaft, wie Rooney feststellte: „Als Tuchel diese Wechsel vornahm, werden sich die Spieler auf dem Platz wohl gedacht haben: ‚Oh nein.'“.

Der ehemalige Stürmerstar von Manchester United glaubt, dass damit das Momentum zugunsten der Argentinier besiegelt war. Tatsächlich brachte England das Kunststück fertig, zwischen dem eigenen Führungstor und dem Siegtreffer der Argentinier nur noch zwölf Prozent Ballbesitz zu haben. Eine vernichtende Statistik. Tuchels Engländer gaben das Spiel widerstandslos aus der Hand, während die „Albiceleste“ angetrieben vom unermüdlichen Messi eine Chance nach der anderen kreierte.

„Sie wussten wohl, was auf sie zukommen würde“, so Rooney über die englische Nationalelf. Sie hätten unglaublich viel Glück gebraucht, um das Spiel über die Zeit zu bringen.“ Auch Bayern-Stürmer Harry Kane konnte seine Fassungslosigkeit über den Spielverlauf kaum verbergen. „Ich bin einfach am Boden zerstört“, sagte er der BBC. „Wir haben über weite Strecken gut gespielt. Nachdem wir mit 1:0 in Führung gegangen waren, scheinen wir nur noch versucht zu haben, das Ergebnis zu halten. Das reicht auf diesem Niveau aber nicht aus.“

Tuchel: „Niemand weiß, wie es ausgegangen wäre“

Man kann darin eine leise Kritik an Thomas Tuchel sehen, wenn man möchte. Denn dieser komplette Mentalitätswandel bei dem Team geht wohl auch auf die Systemumstellung zurück, die er seinen Spieler auferlegte. Tuchel zog damit die Handbremse. Auf die Frage eines britischen Reporters, ob er mit seinen Wechseln falsch gelegen habe, sagte der 53-Jährige: „Nein. Ich glaube, das liegt einfach in der Natur des Spiels. Sobald du verlierst, bekommst du die Kritik ab. So ist das eben.“

Loading…

Loading…

Loading…

Share.
Die mobile Version verlassen