Viele Erwachsene haben ihren Erste-Hilfe-Kurs vor Jahrzehnten absolviert und erinnern sich kaum daran. Wie kann man hier ein dauerhaftes Bewusstsein schaffen?

Das ist ein großes Problem. Wir müssten niedrigschwellige Angebote schaffen, ähnlich wie regelmäßige Auffrischungskurse für den Erste-Hilfe-Kurs. Gleichzeitig könnten digitale Angebote helfen.

Sind denn die Unsicherheit und die Ängste nach blutigen Vorfällen und Verbrechen berechtigt?

Hier muss man zwischen gefühlter und tatsächlicher Gefahr unterscheiden. Ängste in bestimmten Situationen sind normal – Polizisten, Feuerwehrleute oder Sanitäter erleben das täglich. Doch wir können mit einfachen Techniken lernen, uns zu stabilisieren.

Haben Sie ein Beispiel für eine solche Technik?

Eine Methode ist die sogenannte „LAGE-Analyse“: Man fragt sich in einer stressigen Situation: Wie ist meine Laune? Wie angespannt bin ich? Fühle ich mich gehetzt? Wie erschöpft bin ich? Dadurch gewinnt man Distanz zur eigenen Emotion und kann ruhiger reagieren.

Das ist ein klassisches Beispiel für eine verzerrte Risikowahrnehmung. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, sehr gering. Es hilft, sich diese Zahlen bewusst zu machen. Die Wahrscheinlichkeit, an einem Autounfall zu sterben, ist zum Beispiel viel höher als die, in eine Messerattacke verwickelt zu werden. Trotzdem haben viele Menschen keine Angst vor dem Autofahren.

Also hilft es, sich auf Fakten zu besinnen?

Genau. Die Welt mit den vier Grundrechenarten zu verstehen, hilft uns, Risiken realistischer einzuschätzen. Das bedeutet nicht, dass wir leichtsinnig werden sollen, aber übertriebene Ängste nützen niemandem. Stattdessen brauchen wir ein Bewusstsein für effektive Prävention und Selbstschutzstrategien.

Wie kann man in sehr stressigen oder angstauslösenden Situationen ruhig bleiben?

Ein bewährter Ansatz ist ein strukturiertes Vorgehen in mehreren Schritten. In der Bundeswehr wird insbesondere ein System genutzt, das Soldaten hilft, in Extremsituationen einen klaren Kopf zu bewahren, etwa wenn ein Fahrzeug explodiert und sie handlungsunfähig in einem gefährlichen Umfeld ausharren müssen. Ein zentraler Bestandteil dieses Systems ist das sogenannte Check-and-Change-Prinzip: Zuerst wird die Situation überprüft (Check), dann folgt ein schrittweises Vorgehen zur Veränderung (Change). Nach jedem Schritt wird geprüft, ob der nächste möglich ist – falls nicht, geht man einen Schritt zurück. So entsteht eine Art innere Leitlinie, die hilft, sich aus der Panik zu lösen und wieder handlungsfähig zu werden. Entscheidend ist dabei nicht nur, „Ruhe zu bewahren“, sondern aktiv innere Ruhe zu entwickeln.

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