Er hat als pakistanischer Höhenträger für eine mexikanische Bergsteigergruppe gearbeitet. Höhenträger begleiten die Gruppe und tragen deren Equipment, Rucksäcke, Essen, Zelte. Das ist eine Art von Beruf, der sich im Himalaja-Tourismus herausgebildet hat. Als Murtaza diese Leistung nicht mehr bringen konnte, haben sie ihn einfach am Berg zurückgelassen. Mein Bruder, der weiter unten im Basislager wartete und mit dem ich über Funk verbunden war, konnte die Gruppe kontaktieren und hat gefragt, ob sie uns bei der Rettung helfen. Sie antworteten, dass wir uns um ihn nicht scheren sollten und sie sich kümmern würden, sobald sie vom Gipfel wieder absteigen. Das hätte er aber niemals überlebt. Und nicht nur er wäre gestorben: Seine ganze Familie wäre plötzlich ohne Einkommen dagewesen.
Hatten Sie in dieser Situation eigentlich noch an Ihr ursprüngliches Ziel gedacht, den Gipfel zu erreichen? Sie waren ja nur noch 51 Meter entfernt.
Nein, da musste ich nicht lange überlegen. Ich habe sofort darüber nachgedacht, wie ich das anstelle, ihn sicher zum nächsten Camp zu bringen. Man fängt einfach an zu handeln. Ich habe ihn dann mehr oder weniger in Schlepptau genommen.
Wie kann man sich das vorstellen? Haben Sie ihn einfach hinter sich hergezogen?
In manchen Passagen habe ich ihn abgeseilt, in anderen am Rucksack durch den Schnee gezogen. Man kämpft und freut sich um jeden Meter, den man schafft. An einem sehr hohen Punkt habe ich ihn über eine Steilstufe abgeseilt und mir ist das Seil entglitten. Murtaza ist dann einige Meter in die Zwischensicherung von dem Seil reingerauscht. Der Körper hatte keine Spannung mehr, sein Kopf ist in den Nacken geschnalzt. Da dachte ich mir: Das hat er nicht überlebt. Aber Gott sei Dank lag ich falsch.
Ich hoffe, nie mehr in meinem Leben einen solchen Erschöpfungszustand spüren zu müssen.
lukas wörle
Ich habe das Ganze bis auf 7.100 Meter durchgezogen. Das war unglaublich anstrengend. Dort ist uns ein Bergführer zu Hilfe gekommen, der dann auch die weitere Verantwortung übernommen hat. Ein Arzt hat Murtaza dann in den Tagen danach die abgefrorenen Finger verbunden, und er kam mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus. Er hat mehrere Finger verloren, aber überlebt.
