Der wahre Gewinner des Krieges ist China

Im Krieg in der Ukraine richtet sich Russland nicht nur gegen sein Nachbarland, sondern auch gegen die Nato. Von diesen Verwerfungen profitiert vor allem ein Land: China.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich in seinem Überfall auf die Ukraine bereits mehrfach geirrt: Er glaubte, in einem Blitzkrieg die Ukraine innerhalb weniger Tage in die Kapitulation zwingen zu können. Er war überzeugt, dass Europa sich – getrieben durch die vorsichtigen Deutschen – nicht zu schwerwiegenden Sanktionen durchringen könnte. Und nun könnte er sich abermals täuschen: Er denkt, er könne sich auf China verlassen. 

Schulter an Schulter präsentierten sich die beiden Staatsmänner noch bei den Olympischen Spielen als Front gegen die Nato, gegen den Westen. Eine Freundschaft, die keine Grenzen kenne. Doch China geht und ging es nie um Russland – China geht es um den Aufstieg Chinas. Immer.

Präsident Xi Jinping versucht deshalb auch im Ukraine-Krieg, das beste Szenario für sein Land der Mitte herauszuhandeln. Und könnte damit sehr erfolgreich sein. Nicht ohne Grund wirbt China für eine Kompromisslösung und unterstreicht immer wieder, dass die “Sicherheitsbedürfnisse” beider Länder respektiert werden müssten. Gleichzeitig beteiligt sich Xi aber nicht an Sanktionen gegen Russland.

Ein schwaches Russland ist Chinas Chance

China ist zwar an einem Ende des Krieges gelegen, aber das muss nicht schnell kommen. Denn: China würde von einem geschwächten Russland profitieren.

Die aktuellen Sanktionen treffen die russische Wirtschaft hart. Viele westliche Konzerne haben ihr Geschäft aus Protest gegen den Ukraine-Krieg in Russland niedergelegt – manche bereits langfristig, etwa die Energiefirmen Shell oder BP.

Ikea-Filiale in Moskau: Viele Russen versuchten, noch kurz vor der Schließung aller Ikea-Filialen im Land letzte Einkäufe zu erledigen. (Quelle: Vlad Karkov/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa)

Viele russische Firmen dagegen sind laut den führenden Ratingagenturen nur noch Ramsch. Und der Rubel? Nur im eigenen Land noch etwas wert.

Dabei war die russische Wirtschaft bereits vor den jüngst verhängten Sanktionen angeschlagen. Die Strafen, die der Westen 2014 nach der Annexion der Krim erlassen hat, haben das Wachstum bereits deutlich gebremst. Und so lange der Krieg herrscht, dürfte sich die Abwärtsspirale weiterdrehen.

China setzt auf den Balanceakt

Als sicher gilt: In dieser Zeit greift vermutlich selbst China Russland nicht mit der Kneifzange an. Die Sorge, auch etwas von dem Schmutz abzubekommen, wenn man zu nah am “Freund” steht, scheint groß zu sein.

So groß, dass der chinesische Botschafter in einem Gastbeitrag in der “Washington Post” mit äußerst versöhnlichen Worten dafür wirbt, keine Sanktionen gegen China zu erlassen. Der Grund ist offensichtlich: China wurde von mehreren Experten als mögliche Zuflucht für Russland gehandelt, um die Sanktionen zu umgehen. Die USA fanden daher in der jüngsten Vergangenheit deutliche Worte der Warnung gegenüber China. 

Doch China hat Geduld. Das bewies das Land schon mehrfach – seine Staatsspitze denkt strategisch. Solange Russland sein Gesicht in dem Konflikt nicht gänzlich verliert, gewinnt China. Xi und seine kommunistische Führungsriege müssen nur lange genug den Tanz auf dem Seil aushalten: dem Westen Frieden und Ausgleich suggerieren, gleichzeitig Russland ein wenig Unterstützung. 

Russland bleibt nur eine Abhängigkeit

Denn egal, wie der Krieg ausgeht: Das Tischtuch zwischen dem Westen und Russland ist zerrissen. Russland werde alles tun, um nie wieder vom Westen abhängig zu sein, betonte etwa der russische Außenminister Lawrow nach den Sanktionen der EU, der USA und Großbritanniens. 

Doch die Russen sind keine Weltmacht mehr – so sehr sie es sich auch wünschen mögen. Dem Land bleibt nur noch eine Abhängigkeit, nachdem es so brutal und offensichtlich mit dem Westen gebrochen hat: China.

Präsident Xi muss folglich nur warten, bis sein Land wieder gefahrlos mit Russland handeln kann, ohne von westlichen Sanktionen bedroht zu werden. Dann kann er günstig die Lücken füllen, die der Westen hinterlassen hat, etwa in den Energiekonzernen oder auch im Technikbereich. 

Russlands Vorzüge für China sind endlich

Wenn China diesen Drahtseilakt erfolgreich absolviert, hat Xi alle Handelsmöglichkeiten – Russland dagegen hat nur noch China. Bereits nach den Sanktionen 2014 musste sich Russland vermehrt China zuwenden. Die Machtbalance zwischen den Ländern dürfte in Zukunft noch weiter aus den Fugen geraten, denn Russlands Vorteile für China sind endlich. 

Zunehmend ungleiche Partner: China kann sich seine Handelspartner aussuchen, Russland hat sich weltpolitisch mehr und mehr selbst isoliert.  (Quelle: imago images/KremlinxPool)Zunehmend ungleiche Partner: China kann sich seine Handelspartner aussuchen, Russland hat sich weltpolitisch mehr und mehr selbst isoliert. (Quelle: KremlinxPool/imago images)

Das Land versorgt China mit Gas und Öl und exportierte in der Vergangenheit vor allem Waffen an seinen Nachbarn. Doch China gibt sich nicht zufrieden damit, Expertise zu importieren. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist dafür bekannt, zu kopieren, zu lernen und eigenständig zu werden.

Zudem sind die Zeiten fossiler Energieträger gezählt – Russlands Verhandlungsbasis schrumpft mit jedem Liter Öl, der die Erde verlässt. Langfristig hat es China wenig zu bieten und könnte damit immer tiefer in die Abhängigkeit geraten.

Das wichtigste Asset ist die Landmasse Russlands, direkt vor der chinesischen Grenze. Mit einem abhängigen Russland würde China plötzlich über eine geopolitische Macht verfügen, die Europäer und Amerikaner erschrecken muss. Bedenkt man dazu, wie die Chinesen die afrikanischen Länder ebenfalls in den wirtschaftlichen Sog ziehen, ergibt sich eine gänzlich neue Weltordnung. 

Dafür muss China nur eines tun: warten.

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