Und dafür soll Schmidt dann die Presse gebraucht haben?
Thiele: Schmidts Pressenetzwerk ist im politischen Berlin berüchtigt. Er hat es sich über Jahrzehnte aufgebaut. Das fing in den 2000ern an, als er in der Berliner Landesvertretung Hamburgs Hauptstadtjournalisten zum Champions-League-Gucken eingeladen hat. Er ist per Du mit sehr vielen einflussreichen Journalisten. Er spielt mit ihnen am Wochenende Fußball, trinkt mit ihnen Bier, pflegt eine vermeintliche Freundschaft. Aber es ist eine Nähe, die er für sich zu nutzen weiß. Und Nähe korrumpiert.
Sie nennen im Buch auch konkrete Namen, unter anderem Holger Stark von der „Zeit“. Wie eng ist der ihren Recherchen nach mit Schmidt?
Thiele: Holger Stark ist im Buch prominent vertreten, weil er viele Details über die Ermittlungen enthüllt hat, was ja die Aufgabe eines Investigativjournalisten ist. Kritikwürdig ist aus meiner Sicht nur, bei allem Respekt vor seiner Arbeit, dass er sehr früh den Spin gesetzt hat, die Ukraine-Unterstützung der Bundesregierung müsse wegen der Sabotage überdacht werden. Das erscheint mir angesichts der Unklarheit, inwiefern der ukrainische Staat und Selenskyj involviert waren und auch angesichts der Rolle, die der Bau von Nord Stream bei der Kriegseskalation gespielt hat, fragwürdig. Was Schmidt angeht: Die Nähe zu ihm haben, wie gesagt, viele Journalisten in Berlin. Und das ist ein Problem.
Diese Nähe zu Regierenden – so etwas kenne ich aus internationalen Kooperationen nicht.
Oliver schröm über journalisten in Berlin
Aber lebt der Journalismus nicht auch von Nähe zu guten Quellen?
Schröm: Ich mache diesen Job seit 40 Jahren. Und ich ertappe mich immer wieder, wie naiv ich bezüglich des Verhaltens von Kollegen bin. Diese Nähe zu Regierenden – so etwas kenne ich aus internationalen Kooperationen nicht. In Amerika kann ich mir nicht vorstellen, dass Investigativjournalisten eine solche Nähe kultivieren. Wenn ich mit jemandem Fußball spiele, über den ich auch berichte, laufe ich Gefahr, mich unter dem Deckmantel des Journalismus zum PR-Mann für Regierungspolitik zu machen.
Und das „Wall Street Journal“ hat dann einen weiteren Artikel veröffentlicht. Mit der Behauptung, Selenskyj selbst habe den Anschlag genehmigt. Darin sehen sie eine Strategie des Kanzleramtes?
Schröm: Es ist zumindest eine Stoßrichtung, die dem Kanzleramt damals gelegen kam. Der Korrespondent des „Wall Street Journal“ (WSJ), Bojan Pancevski, schreibt eine Weltgeschichte: Selenskyj soll den Anschlag gebilligt haben. Und wenige Tage vorher schreibt Wolfgang Schmidt in einer privaten Nachricht an einen Vertrauten: „Ich telefoniere nachher mit Bojan – bin auch gespannt.“ Warum Schmidt sich mit dem „WSJ“-Reporter verabredet hat, erklärt er nicht. Jedenfalls passt der Spin der Geschichte perfekt in das Kanzleramt-Narrativ: Es war die Ukraine. Es war Selenskyj. Also müssen wir nicht liefern.
