Ob eine harte Linie bei Migration und Wirtschaft Özdemir aber wirklich so sehr schmerzen würde, ist fraglich. Vielmehr könnte er sehr gut den Koalitionspartner CDU vorschieben, wenn das Regierungsprogramm bei bestimmten Themen herzlich wenig mit grünen Positionen zu tun haben sollte. Zu Ärger mit der eigenen Partei dürfte es aber trotzdem führen.

Über die Ausrichtung der Grünen herrschte schon lange vor Özdemirs Erfolg Uneinigkeit. Nach dem Mitte-Kurs von Robert Habeck sind die Grünen in der Opposition immer noch auf der Suche nach ihrer Rolle. Die Parteilinken schielen vor allem auf die Konkurrenz durch die Linkspartei. Die Grünen haben bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr immerhin 700.000 Wählerinnen und Wähler an sie verloren. Der linke Parteiflügel will daher stärker auf eine Politik der Umverteilung setzen und soziale Themen bespielen.

So oder so: Die Grünen steuern auf die Frage zu, welche Richtung sie künftig einschlagen wollen. Und Özdemir dürfte nach seinem Wahlsieg selbstbewusst genug sein, um seinen Vorstellungen auch bundesweit Gehör zu verschaffen. Öffentlich wollen die Grünen zwar vom Flügelkampf nichts mehr wissen. Parteichef Felix Banaszak, der zum linken Flügel zählt, betont gern, dass die Kategorien von damals ausgedient hätten. Doch selbst wenn das stimmen sollte, heißt das nicht, dass die weitgehend konfliktfreie Zeit andauern wird. Vielmehr könnte sich die Partei bald wieder sehr öffentlich über Positionen streiten.

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