Sie kam aus Profitgier und kannte keine Gnade: Die britische East India Company unterwarf einst Indien und plünderte es aus. Wie ein Privatunternehmen den Subkontinent unterjochen konnte, erklärt Historiker William Dalrymple.

Indien galt einst als eine Art „Juwel“ des britischen Kolonialreichs, doch unterjocht wurde der Subkontinent zunächst von einem Privatunternehmen, das ohne Skrupel und Gewissen agierte: die East India Company. Sie genoss lange Zeit zahlreiche Freiheiten, entzog sich staatlicher Kontrolle und unterhielt in Indien einst Streitkräfte, die der britischen Armee zahlenmäßig durchaus überlegen waren.

Für William Dalrymple, Historiker und einer der besten Kenner Indiens, ist die East India Company das mächtigste Unternehmen der bisherigen Geschichte. Wie gelang der East India dieser Aufstieg? Wie kam es zu ihrem Ende? Und warum hält Dalrymple ihre Geschichte für eine Warnung in Zeiten von Elon Musk, Palantir und anderen mächtigen Tech-Akteuren? Diese Fragen beantwortet der Autor des Buchs „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company“ im Gespräch.

t-online: Herr Dalrymple, Indien ist riesig, dennoch gelang es im 18. Jahrhundert einem Privatunternehmen aus Europa, den Subkontinent seiner Herrschaft zu unterwerfen. Wie war das möglich?

William Dalrymple: Es gelang durch exzessive Gewalt und massives Blutvergießen. Indien war im 18. Jahrhundert nicht irgendein Land, sondern das reichste der Welt. Das Mogulreich zeichnete damals für rund 40 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich; auf dem Höhepunkt seiner Macht kontrollierte es nicht nur fast ganz Indien, sondern auch das heutige Pakistan, Bangladesch, den Großteil Afghanistans und einen kleinen Part des heutigen Iran. Aber das Reich der Moguln zerfiel, die East India nutzte die Situation für ihre Zwecke aus.

Der einzige Existenzzweck der East India Company dürfte in der Profitmaximierung bestanden haben?

Es ging ausschließlich um Profit. Alles andere war uninteressant. Dazu war die East India bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Zusätzlich kamen ihr die Umstände entgegen. 1739 drang mit Nader Schah ein Eindringling aus Persien vor, er eroberte die Hauptstadt Delhi und nahm die Schätze der Moguln mit. Das waren unvorstellbare Reichtümer. Die Moguln waren also pleite, konnten weder ihre Soldaten noch Beamten bezahlen. Es war wie einst in Europa nach dem Fall Roms: Plötzlich war alles zerbrochen, alles war in Auflösung begriffen. Für angriffslustige Europäer war es der perfekte Zeitpunkt.

Zur Person

William Dalrymple, geboren 1965, ist preisgekrönter Historiker und Bestsellerautor. Der renommierte Kenner Indiens hat mehrere Bücher zur Geschichte des Subkontinents veröffentlicht. Im März 2026 erschien Dalrymples Buch „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company. 1600–1874“ im Verlag C.H. Beck. Zu Dalrymples Vorfahren zählt eine Mogulprinzessin, er lebt in Indien.

Nun denken die meisten Menschen beim Kolonialismus eher an europäische Staaten, die Gebiete als Kolonien eroberten und beherrschten. In Ihrem Buch „Anarchie“ über die East India Company betonen Sie, dass es im Falle Indiens ein gewinnorientiertes Privatunternehmen mit Sitz in London gewesen ist.

Bei ihrer Gründung 1600 hätte wohl niemand der East India Company größeren Erfolg zugetraut. Aber er sollte sich langfristig einstellen. Immerhin kontrollierte die East India später nahezu die Hälfte des Welthandels, sie avancierte zum mächtigsten Privatunternehmen der Geschichte. Der Schriftsteller Edmund Burke bezeichnete die East India Company einmal als „Staat im Gewand eines Händlers“. Und dieser Aufstieg verdankt sich ihrem in einem königlichen Freibrief garantierten Recht, „Krieg zu führen“ und ihrem entsprechenden Auftreten in Indien. Dort hatte sich die East India zunächst in Bengalen festgesetzt, denn die dortige Textilherstellung war enorm produktiv und extrem profitabel.

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