„Ostberlin abgeriegelt“, titelte ein Extrablatt der Westberliner „Morgenpost“. Und Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister im Westteil, wählte einen drastischen Vergleich für die Grenzanlagen: „Sie bedeuten, dass mitten durch Berlin nicht nur eine Art Staatsgrenze, sondern die Sperrwand eines Konzentrationslagers gezogen wird.“
Die DDR-Einheitspartei SED sprach lieber von einem „antifaschistischen Schutzwall“. Der mutmaßliche Erfinder des Begriffs, ZK-Mitglied Horst Sindermann, gestand aber 1990 ein, dass es darum ging, die Menschen in der DDR zu halten: „Wir wollten nicht ausbluten, wir wollten die antifaschistisch-demokratische Ordnung, die es in der DDR gab, erhalten.“
Die Teilung wirkt fort
Was bedeutet diese Zäsur mehr als sechs Jahrzehnte später, fast 36 Jahre nach dem Ende der DDR? Die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser, geboren 1987 in Gera, ruft in Erinnerung, was für viele heute fast unvorstellbar ist: das Leben zu riskieren, um das eigene Land zu verlassen. „Was das wirklich bedeutet hat, das finde ich schon sehr beeindruckend“, sagt die SPD-Politikerin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Stacheldraht, Wachtürme, Hundestaffeln, Schüsse: Allein für Berlin listet die Stiftung Berliner Mauer 140 Todesfälle im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime auf. Alle Fluchtversuche aus der DDR zusammen sollen 915 Menschen das Leben gekostet haben.
Der andere Aspekt, den Kaiser herausstreicht: Die Teilung wirkt bis heute fort, weil sich beide Teile Deutschlands jahrzehntelang unterschiedlich entwickelten. Einkommen, Tarifbindung, Renten, all das sei bis heute in Ostdeutschland niedriger, die Arbeitslosigkeit höher. Die Zivilgesellschaft mit starker finanzieller Basis fehle ebenso wie die großen Strukturen der Wohlfahrtsverbände, Kirchen oder Unternehmen. „Das sind eben alles Auswirkungen dieser Teilung, die durch die Mauer manifestiert wurde“, sagt die Ostbeauftragte.
Ost und West, geteilte Erinnerung
Auch der Rückblick auf die DDR fällt bisweilen unterschiedlich aus: Im Osten scheint er vielschichtiger, weniger kategorisch. Das zeigt etwa eine Forsa-Umfrage unter rund 1.643 Berlinerinnen und Berlinern von 2025. Von den Befragten, die bis 1990 im Westen wohnten, nannten 52 Prozent die DDR diktatorisch. Bei jenen aus dem Osten waren es nur 38 Prozent. 29 Prozent der befragten Ostberliner sahen die DDR auch als „menschenorientiert“ oder „fürsorglich“; unter den Westberlinern waren es gerade mal 4 Prozent.
