Warum digitale Systeme Druck aufbauen

Trinkgeldkultur im Wandel

Vorsicht vor den neuen Trinkgeldregeln


Aktualisiert am 27.01.2026 – 11:15 UhrLesedauer: 5 Min.

Paar bezahlt die Rechnung via Smartphone: Bei digitalen Bezahlverfahren können Sie die Höhe des Trinkgeldes automatisch oder über voreingestellte Prozentbuttons bestimmen. (Quelle: Drazen Zigic)

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Wer kein Bargeld im Portemonnaie hat, kann kein Trinkgeld geben. Doch inzwischen übernehmen das Bezahlterminals. Was für die einen angenehm ist, könnte für die anderen ärgerlich sein.

Ein simples „Stimmt so“ oder „Der Rest ist für Sie“ – das sagten viele früher nach dem Essen im Restaurant bei der Bezahlung und gaben der Kellnerin oder dem Kellner ein Trinkgeld, das den Betrag oft nur ein wenig aufrundete.

In Zeiten des bargeldlosen Bezahlens haben die Menschen kaum noch Kleingeld im Portemonnaie. Zudem ist Trinkgeld hierzulande nur in Restaurants oder bei Dienstleistungen wie Friseur, Fußpflege oder Taxifahrt üblich.

Inzwischen werden Sie auch an Orten, wo das bisher nicht normal war, um ein sogenanntes Trinkgeld gebeten – und die üblichen zehn Prozent werden durch Voreinstellungen am Bezahlgerät manchmal bei Weitem überschritten. Wie teuer wird das Trinkgeld jetzt?

In einer Luxuskonditorei am Kurfürstendamm in Berlin zum Beispiel sind die knallig blau unterlegten Optionen auf dem Touch-Display „7“, „10“ und „20 Prozent“. Erst bei genauem Hinsehen erkennt der Gast, dass er auch die Optionen „Freie Eingabe“ und „Kein Trinkgeld“ auswählen kann.

Am szenigen Hamburger-Stand, nicht weit entfernt, zeigt das Kartengerät: „0“, „10“, „15“, „20 Prozent“ – und sogar „25 Prozent“ sind möglich. Beim bloß über die Theke gereichten Double Cheeseburger für 9,50 Euro macht das einen inflationären Trinkgeldzuschlag von satten 2,38 Euro.

Das Phänomen der sogenannten Trinkgeldinflation („Tipflation“) hat seinen Ursprung in den USA. Lesen Sie hier mehr zu diesem Thema. Es ist zwar nicht flächendeckend in Deutschland angekommen, aber immer mehr Händler nutzen es.

Trinkgeld-Unterschiede Deutschland vs. USA

Als Konsens gilt in Deutschland ein Trinkgeld von zehn Prozent des Umsatzes. Anders in den USA, wo aufgrund von prekären Beschäftigungsverhältnissen Angestellte auf Trinkgelder zwischen 15 und 20 Prozent angewiesen sind. Hinzu kommt, dass viele Amerikaner nach der Corona-Pandemie bereit waren, die Gastronomie mit großzügigen Trinkgeldern zu unterstützen.

Die „Tipflation“ wird durch digitale Bezahlsysteme auch in Deutschland zu einem immer größeren Thema. Vorbei scheint jedenfalls die Zeit von Trinkgeld-Bechern an der Kasse, die leicht zu ignorieren waren. Aber warum verändert sich auch in Deutschland die Trinkgeldkultur in jüngster Zeit?

Trinkgeldkultur im Wandel

Am deutlichsten wird dies, wenn Trinkgeld verlangt wird, obwohl es sich um ein Selbstbedienungsgeschäft handelt. In Deutschland fühlen sich viele Kundinnen und Kunden gezwungen, einen höheren Betrag zu geben, als sie es vielleicht freiwillig durch Aufrunden getan hätten.

Wirtschaftswissenschaftler wie Christian Traxler von der Berliner Hertie School nennen das „Nudging“ (englisch für „anstupsen“). Das Verhalten der Kunden werde gelenkt, gar manipuliert, sagt der Verhaltensökonom.

„Es wird oft nicht nur kommuniziert, dass ein Trinkgeld erwartet wird, sondern auch, in welchem Rahmen es als angemessen angesehen würde“, sagt Traxler. Sind die programmierten Werte im EC-Kartengerät jedoch sehr hoch (für viele vielleicht sogar unverschämt hoch), fielen zwar die einzelnen Trinkgelder tendenziell höher aus, gleichzeitig sinke aber die Zahl derer, die überhaupt bereit seien, ein Trinkgeld zu geben. Ein Drahtseilakt, da Kunden angestupst, aber nicht verprellt werden sollen.

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