Donnerstag 10 Uhr: Heute sind der Kaufladen und die Puppenküche in der Hummel-Gruppe besonders umlagert. Diesmal spielen sogar Jungs und Mädchen zusammen. Thema: Familie. Nachdem der Einkauf erledigt ist und Geschäftsführer Luis alles eingepackt hat, zückt Ben seine Spezialkreditkarte – eine abgelaufene Krankenkassenkarte – und bezahlt. „Das macht mein Papa auch immer so, wenn wir zusammen essen gehen. Dann lädt er mich, meine Schwester und Mama ein. Er verdient ja auch das Geld, wenn Mama auf uns aufpasst und ist deshalb auch der Chef. Das weiß auch der Kellner, denn er legt immer Papa die Rechnung hin.“ Elli, die mit eingekauft hat, ist damit einverstanden, dass Ben der Chef der Familie ist. Sie deckt den Tisch und bereitet das Essen aus dem Kaufladen vor. „Mein Papa zahlt auch meistens, wenn wie zusammen einkaufen. Dafür kocht Mama besser“, erzählt sie. Streit gibt es heute zwischen den „Hummeln“ jedenfalls nicht.
Aber woher kommen solche traditionellen Rollenbilder, obwohl viele Väter und Mütter – auch die in der Kita „Kunterbunt“ – felsenfest davon überzeugt sind, eine moderne Beziehung auf Augenhöhe zu führen und versuchen ihre Söhne und Töchter nicht geschlechtsspezifisch zu erziehen? Zur Klärung dieses Widerspruchs half diesmal ein aufschlussreicher Test britischer Wissenschaftler der journalistischen Neugier auf die Sprünge. Im Auftrag des Forscherteams sollten Erwachsene mit Babys spielen, die sie nicht kannten. Das Besondere dabei war: Die weiblichen Babys trugen typische Jungenkleidung und umgekehrt. Die Testpersonen meinten nun aufgrund dieser Äußerlichkeiten, typisch weibliche beziehungsweise typisch männliche Vorlieben zu erkennen. Sie reichten den rosa gekleideten Jungen kleine Püppchen und gingen zärtlicher und behutsamer mit ihnen um, als mit den vermeintlichen Jungs.
Auch andere Studien haben nachgewiesen, dass Erwachsene offenbar unbewusst unterschiedlich auf Jungs und Mädchen reagieren. So reden Mütter und Väter nachweislich häufiger mit weiblichen Babys, deren Sprachzentrum sich im Durchschnitt schneller entwickelt als das ihrer männlichen Altersgenossen und die deshalb auch früher und ausführlicher auf die Worte der Eltern eingehen können. Dafür wird mit kleinen Jungs automatisch mehr getobt und wilder gespielt, so dass sich ihre motorischen Fähigkeiten schnell ausbilden. Doch maßgeblich für das Manifestieren von Rollenbildern bei Kindern ist, wie Eltern miteinander umgehen und sprechen. Denn das Verhalten und Vorbild der Mütter und Väter zementiert auch heute noch viele eher stereotype Rollenbilder – auch wenn diese manchmal in modernen Variationen daherkommen.
