
Hinzu kommt, dass US-Unternehmen mit dem Verkauf von Software, Finanzprodukten und Öl in Europa hohe Gewinne erzielen. Das könnte langfristig weniger werden, sagte Mary Lovely, Senior Fellow der Denkfabrik Peterson Institute for International Economics dem „Wall Street Journal“. Konkurrenten wie China könnten übernehmen. „Sobald diese neuen Beziehungen einmal etabliert sind, ist es sehr schwer, sie wieder zu verändern“, sagte sie.
Schon länger im Gespräch ist es, von europäischer Seite auch US-Exporte ins Visier zu nehmen. Brad W. Setser, Ökonom beim Council on Foreign Relations, tippt im Gespräch mit dem „Wall Street Journal“ dabei auf solche Güter, die „symbolisch bedeutsam für republikanisch geprägte Bundesstaaten“ seien.
In früheren Handelskonflikten belegte die EU unter anderem Bourbon, Harley-Davidson-Motorräder, aber auch landwirtschaftliche Produkte mit Zöllen. „Man sollte an hochwertige Konsumgüter denken, die Europa zwar schätzt, auf die es aber verzichten kann“, sagte Setser.
Gleichzeitig weist die US-Wirtschaft strukturelle Schwächen auf. Der verarbeitende Sektor, der bereits unter Handelskonflikten leidet, schrumpft ohnehin. Er ist besonders anfällig, da seine Lieferketten eng mit Europa verflochten sind, sagte Mary Lovely. Viele US-Fabriken beziehen Maschinen, Turbinen und Bauteile aus Europa, und Zölle verteuern diese Importe. Sollten europäische Vergeltungszölle auf US-Waren folgen, könnten Hersteller, die über den Atlantik exportieren, zusätzlich unter Druck geraten. „Das ist einfach ein weiterer Schlag“, sagte die Ökonomin.
Allein im Bundesstaat South Carolina hängen Zehntausende Arbeitsplätze von einem BMW-Werk ab, das Motoren und Teile aus Europa bezieht und viele Fahrzeuge in die EU exportiert. Vergeltungszölle könnten BMW dazu veranlassen, die Produktion in den USA zu drosseln.
Europäische Investoren halten US-Aktien und Anleihen im Wert von rund acht Billionen US-Dollar – „fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen“, schrieb George Saravelos, globaler Leiter der Devisenforschung bei der Deutschen Bank, in einem Bericht, der mehreren US-Medien vorliegt. „In einem Umfeld, in dem die geoökonomische Stabilität des westlichen Bündnisses existenziell erschüttert wird, ist nicht klar, warum Europäer weiterhin bereit sein sollten, diese Rolle zu spielen“, fügte er hinzu.