England und die WM

Thomas Tuchel spielt mit dem Feuer


Aktualisiert am 23.06.2026 – 12:18 UhrLesedauer: 7 Min.

Wird ein deutscher Trainer den englischen Traum vom zweiten WM-Titel erfüllen? Thomas Tuchel kann Fußballgeschichte schreiben. (Archivbild)

Wird ein deutscher Trainer den englischen Traum vom zweiten WM-Titel erfüllen? Thomas Tuchel kann Fußballgeschichte schreiben. (Archivbild) (Quelle: IMAGO/Armando Babani)

Acht Siege, kein Gegentor in der Qualifikation und ein gefühlt endlos tiefer Kader: England strotzt vor der WM nur so vor Kraft – wäre da nicht dieser eine Fluch, den ausgerechnet ein deutscher und umstrittener Trainer besiegen soll.

England kommt mit einer makellosen Qualifikation zur WM 2026: acht Spiele, acht Siege, 22:0 Tore. Der deutsche Trainer Thomas Tuchel hat dem Team seit seinem Start im Januar eine neue Struktur verordnet und schöpft aus einem schier endlosen Reservoir an talentierten und erfahrenen Spielern. Überschlägt man grob, hat Tuchel vermutlich die Auswahl zwischen 50, vielleicht 60 potenziellen WM-Fahrern gehabt, von denen viele bei den meisten anderen Teilnehmerländern absolute No-Brainer gewesen wären.

Wer die Wahl hat, hat die Qual – und hinterher den Erklärungsbedarf. Mit der Bekanntgabe des 26er-Kaders polarisierte Tuchel folgerichtig. Dass er ein gutes halbes Dutzend Topstars wie Cole Palmer (Chelsea), Phil Foden (Manchester City), Trent Alexander-Arnold (Real Madrid) und Harry Maguire (Manchester United) zu Hause ließ, brachte die sozialen Medien und die Boulevardpresse zum Schäumen. Tuchel selbst bemühte sich, unbeeindruckt zu wirken: „Ich fühle mich erleichtert und bin bereit, loszulegen“, sagte er zur Kadernominierung. Er könne das Turnier kaum erwarten.

Nicht lange warten müsste Tuchel auch dann, falls sein Team in der Vorrunde in Schwierigkeiten gerät oder gar früh ausscheidet. Als Nationaltrainer, der aus dem Land des absoluten Erzrivalen stammt, steht er unter schärfster Beobachtung und hohem Druck: Seit 1966 wartet England sehnsüchtig auf den zweiten WM-Sieg und schlägt sich alle vier Jahre selbst.

Sollte das wieder geschehen, wird Fußball-England nichts lieber tun, als die Schuld daran einem deutschen Übungsleiter in die Schuhe zu schieben. Schon deshalb ist Tuchel mit der Nominierung und seinen unpopulären Entscheidungen ins Risiko gegangen: ein gefährliches Spiel neben dem Platz.

Sportlich gibt es derweil wenig zu beanstanden bei den „Three Lions“: Mit Harry Kane vorneweg lieferte England meist die gewünschten Ergebnisse. Die Frage ist eher, wie stabil die Mannschaft bleibt, wenn es eng wird. Und das könnte es auch in der WM-Gruppe L werden.

So hat sich England für die Weltmeisterschaft qualifiziert

Die englische Nationalmannschaft gewann die Uefa-Qualifikationsgruppe K ohne Punktverlust und ohne Gegentor. Der Weg war souverän, aber nicht frei von Warnsignalen. Zum Auftakt besiegte die Mannschaft Albanien (2:0) und Lettland (5:0). Beide Spiele zeigten bereits ein Muster: viel Ballbesitz, hohe Passsicherheit – aber gegen tief stehende Gegner tat sich Tuchels Team schwer. Besonders das 1:0 in Andorra im Juni geriet zu einer zähen Angelegenheit, bei der England lange nach Lösungen suchte.

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