Terror aus dem Kinderzimmer: Was steckt hinter «Terrorgram»?

LKA-Präsident Andreas Stenger spricht von einer „Attentäter-Fan-Szene“, die unter anderem in den Chatgruppen rechtsextreme Massenmörder wie etwa Anders Breivik verehre. Der Norweger hatte 2011 in Oslo und auf der Insel Utoya 77 Menschen ermordet. Kontakte zum Beispiel in die organisierte rechtsextremistische Szene gibt es nach LKA-Angaben aber nicht.

Zum Teil sind die Pläne überaus weit fortgeschritten. Da hängt nicht nur eine Hakenkreuzfahne an der Wand, es liegen nicht nur Messer und Schusswaffe neben dem Kinderbett, sagt Staatsschutz-Exerte Köhler. Es gebe Manifeste mit konkreten Gewaltdarstellungen und im Computer bis auf den letzten Stuhl nachgebaute Klassenzimmer. „In den Vernehmungen wussten die Jugendlichen genau, wann sie das machen wollen, von wo aus sie den besten Schusswinkel haben und wo sich jemand in einer Ecke verstecken kann“, sagt Köhler.

Nein, die Szene ist zwar klar vom Rechtsextremismus geprägt, ihre Ideologien sind jedoch oft weniger geschlossen, als es auf den ersten Blick scheint. „Die Ideologien verschwimmen“, sagt Stenger. Verbindendes Element ist weniger eine Ideologie als die Faszination für extreme Gewalt, für Terror und gesellschaftlichen Zusammenbruch. Gewalt gilt vielen Anhängern als Selbstzweck und als Mittel, um Bedeutung zu erlangen.

Nach Angaben der Leitenden Oberstaatsanwältin Gabriele Tilmann aus München geht es grob auch um Fälle wie den aktuellen „White Tiger“-Prozess. Unter dem gleichnamigen Synonym soll ein 21-Jähriger als Mitglied einer kriminellen Chatgruppe im Internet massiven psychischen Druck auf Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 11 und 15 Jahren ausgeübt haben. Eines seiner Opfer soll er so in den Suizid getrieben haben.

Für die Auswertung wurden 37 Fälle untersucht. Nach Angaben von Innenminister Strobl ist es die weltweit erste kriminologische Untersuchung zur „Terrorgram“-Szene.

Der in Dubai betriebene Messenger-Dienst gilt vielen als besonders geeignete Plattform für extremistische Inhalte. Kanäle und Gruppen lassen sich laut LKA anonym betreiben, Inhalte können schnell und mit großer Reichweite verbreitet werden. Für die Szene sei der Dienst aus Sicht von Experten nicht nur eine Plattform zum Verbreiten ihrer Inhalte, sondern zugleich Treffpunkt, Rekrutierungsinstrument und Echokammer, so LKA und Generalstaatsanwaltschaften.

Nach eigenen Angaben hat der Messenger-Dienst alle Gruppen und Kanäle entfernt, die mit dem Namen „Terrorgram“ in Verbindung standen. „Die Moderatoren überwachen weiterhin die Plattform, um zu verhindern, dass solche Gruppen neu gegründet werden“, teilte Telegram-Sprecher Remi Vaughn schriftlich mit. Er betonte, die Nutzungsbedingungen würden strikt durchgesetzt – mit Moderationsmaßnahmen, die allen Branchenstandards entsprächen oder diese sogar überträfen. „Allein im Jahr 2025 blockierte Telegram mehr als 236.573 extremistische Gemeinschaften“, so Vaughn.

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