
„Ist ein Arzt an Bord?“
Das ist der häufigste medizinische Notfall im Flugzeug
21.11.2025 – 07:53 UhrLesedauer: 3 Min.
Ein medizinischer Notfall auf einem Linienflug gilt als seltene Ausnahme. Doch eine Studie zeigt: Diese Zwischenfälle passieren viel öfter als gedacht.
Jedes Jahr steigen Milliarden Menschen weltweit in Flugzeuge. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es an Bord keine medizinische Infrastruktur wie in einer Klinik gibt. Was passiert, wenn jemand mitten über dem Atlantik einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleidet?
In einer groß angelegten Studie aus den USA wurde genau das untersucht. Sie zeigt: Medizinische Notfälle im Flugzeug sind nicht nur häufig, sie bringen auch Flugzeugbesatzung und Passagiere regelmäßig an ihre Grenzen.
Forscher der Duke University analysierten über 77.000 medizinische Notfälle, die sich zwischen Januar 2022 und Dezember 2023 an Bord von Linienflugzeugen ereigneten. Die Daten stammen von MedAire, einem internationalen medizinischen Assistenzdienst, der mit über 100 Fluggesellschaften weltweit zusammenarbeitet.
Das Ergebnis: Im Schnitt kommt es bei einem von 212 Flügen zu einem medizinischen Zwischenfall – deutlich häufiger, als viele erwarten würden. Pro eine Million Passagiere wurden im Schnitt 39 medizinische Notfälle gemeldet.
Dabei reichte die Spanne von leichten Beschwerden bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen. In rund acht Prozent der Fälle mussten die betroffenen Personen nach der Landung ins Krankenhaus gebracht werden. In 1,7 Prozent der Fälle war der Zustand so ernst, dass das Flugzeug umgeleitet werden musste, zum Beispiel wegen eines Verdachts auf Schlaganfall oder eines akuten Herznotfalls.
Besonders hoch war die Wahrscheinlichkeit einer Umleitung, wenn der Verdacht auf einen Schlaganfall bestand. In solchen Fällen entschieden sich Flugkapitäne laut der Auswertung über zwanzigmal so häufig für eine außerplanmäßige Landung wie bei anderen Zwischenfällen. Auch bei akuten Herzproblemen oder starker Verwirrtheit und Ohnmacht verdoppelt sich das Risiko einer Umleitung. In 293 Fällen kam es an Bord sogar zu einem Herzstillstand.
In knapp einem Drittel der Notfälle half ein freiwilliger Arzt oder eine andere medizinische Fachkraft, die zufällig an Bord war. Ihre Anwesenheit erhöhte die Wahrscheinlichkeit für eine Umleitung deutlich – vermutlich, weil sie meist bei ernsten Situationen hinzugezogen wurden.
„Medizin im Flugzeug zu praktizieren, ist eine demütigende Erfahrung“, sagt Studienleiter Alexandre Rotta von der Duke University. „Es gibt kaum medizinisches Equipment, keine Labordiagnostik, keine zweite Meinung. Was am Boden ein kleines Problem ist, kann in der Luft schnell lebensbedrohlich werden.“
Trotzdem lobt Rotta die Ausstattung vieler Fluggesellschaften, vor allem in den USA, wo Defibrillatoren und Basismedizinsets an Bord vorgeschrieben sind. Ein Manko sieht er jedoch in der fehlenden Standardisierung: Noch immer arbeiten nicht alle Airlines mit einem medizinischen Unterstützungsdienst am Boden zusammen, der die Besatzung im Notfall beraten kann.